Arbeitshilfe

Adelante muchachas!

Ein Film von Erika Harzer, Deutschland 2004
33 Min., Dokumentarfilm, OmU
Der Film ist Teil der DVD „Die Welt ist rund. Fußballträume - Fußballrealitäten“

Inhalt
„Adelante Muchachas!“ erzählt die Geschichte von vier jungen Frauen aus Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Seydi, Wendy, Cristel und Kenia könnten unterschiedlicher nicht sein, und dennoch haben sie etwas gemeinsam: Alle spielen leidenschaftlich gern Fußball. Wenn ihre Klubs in der Frauenliga gegeneinander antreten, kommt es im Spiel zu Begegnungen, die im ‚normalen Leben‘ nicht stattfinden würden; denn die vier Mädchen stammen aus völlig unterschiedlichen sozialen Milieus, die normalerweise kaum miteinander in Kontakt stehen. Zum einen aus der armen Unterschicht, die im Slum am Stadtrand zu Hause ist, zum anderen aus der gut situierten Mittelschicht aus dem Villenquartier der Stadt. Seydi und Wendy leben in Armenvierteln, die sich auf steinigen, trockenen Böden um die Stadt herum immer höher die Hügel hinauf ziehen. Es sind Viertel, in denen Grossteile der Jugendlichen mangels Arbeit und mangels Perspektiven ihre vorhandene Freizeit in Jugendbanden verbringen, in denen skrupellose Gewalt schon längst zum Alltag geworden ist. Beide spielen Fußball im Team von Compartir, einem Straßenkinderhilfsprojekt. Cristel und Kenia dagegen stammen aus der Mittelklasse und spielen bei Motagua Femenino. Der Film begleitet die vier jungen Frauen in ihre unterschiedlichen Lebensbereiche. Sie nehmen uns mit zu sich nach Hause und erzählen uns Geschichten, die sie bewegen. Sie zeigen uns ihre Schulen oder die Universität und die wenigen Plätze, wo sie mit ihren Freundinnen ihre Freizeit sicher verbringen können. Sie sprechen über ihre Zukunftspläne, und natürlich auch über ihre große Leidenschaft Fußball, der es ihnen u.a. auch möglich macht, „Mädchen aus einer anderen Welt“ kennen zu lernen. Der Film gibt Einblick in die unterschiedlichen Lebenswelten der vier jungen Frauen, die sich in einer klassischen Männerdomäne behaupten. Und er zeigt, dass Sport Menschen unabhängig von ihrer Herkunft begeistert und dass er im besten Fall dazu beitragen kann, dass soziale Barrieren durchbrochen werden können.

Zum Film
Die Geschichte von den Fußballspielenden jungen Frauen in Honduras ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Eroberung von Terrain durch das weibliche Ge-schlecht. Sie wirbeln Staub auf, machen Wind, nicht nur auf dem Platz. Wir erleben diesen Wind, der für Bewegung sorgt, wie auch für unterschiedlichen Wirbel. Die Eroberung findet auf den unterschiedlichsten Sportplätzen statt, im nationalen Stadion von Tegucigalpa oder auf staubig steinigen Plätzen. Mit Bildern dieser Begegnungen, mal in Zeitlupe, mal in schnellerem Bilddurchlauf, wird der eigentliche Erzähl-Rhythmus im klassischen Stil regelmäßig unterbrochen.

„Adelante Muchachas!“ ist ein filmischer Beitrag, der sowohl in sozialer wie auch sportlicher Sicht grenzüberschreitend sensibilisiert. Durch die Begleitung dieser vier jungen Frauen erfahren wir viel über ihr Heimatland, die sozialen Probleme, die Einschränkungen und Ängste, die gerade Frauen verstärkt in einem von Gewalt bestimmten Umfeld erleben und erfahren. Durch die Nähe zu den einzelnen Protagonistinnen und deren Offenheit gegenüber dem Filmteam und ihrer Bereitschaft, andere an ihrem Alltag, ihren Ängsten und Freuden, ihren Träumen und geheimen Wünschen teilhaben zu lassen, kann dieser Film durch die Authentizität der Bilder einen sensiblen Blick in die Welt heranwachsender Frauen in anderen Kulturkreisen eröffnen. Immer wieder taucht dabei der Fußball auf, die gemeinsame Leidenschaft der vier, ihr Begegnungspunkt und Emanzipationsindikator, spielt das Ganze doch in einem Land, in dem Fußball an oberster Stelle steht – Männerfußball natürlich.


Hintergrund
Kurzporträts der „Muchachas“ (Mädchen)
Wendy und Seydi sind Spielerinnen des Fußballclubs Compartir (dt. „teilen“). Der Klub ist Teil eines Sozialprojekts für Straßenkinder. Durch Fußball mit regelmäßigem Training und Meisterschaften sollen Kinder und Jugendliche von der Strasse weggeholt und für sinnvolle Freizeitaktivitäten motiviert werden.

Wendy
Wendy ist 15 Jahre alt. Mit ihrer kleinen Nichte sitzt sie auf dem Bett im einzigen Zimmer ihres Hauses und erzählt uns aus ihrem Leben. Sie ist mit ihren Geschwistern in einer Umgebung aufgewachsen, die von alltäglicher Gewalt geprägt ist. Ihr Vater hat die Familie verlassen, und ihr Bruder wurde bei einem Bandenkrieg getötet. Sie selber hat die Schule abgebrochen und lebt nun vor allem für den Fußball. Sie stürmt und schießt Tore für das Team Compartir.

„Wir spielten gegen Motagua. Es war ein super Spiel. Aber eins der Mädchen machte mich an, machte dumme Sprüche. Erst hab ich es ignoriert. Aber dann wurde ich wütend und rannte nach dem Spiel zu ihr hin, um mich mit ihr zu schlagen. Aber die anderen zogen uns sofort auseinander. Das war das letzte Mal, seither gibt es keine Schlägereien mehr.“

Seydi
Seydi ist 18 Jahre alt. Mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern bewohnt sie ein einfaches Zweizimmerhaus ohne fließendes Wasser in einem Slum am Stadtrand. Ihr Vater wurde vor einigen Jahren ermordet. Sie selber absolviert eine kaufmännische Ausbildung und spielt in der Freizeit Fußball als Torfrau von Compartir.
„Ich spiel eigentlich gerne gegen die Mädchen von Motagua. Sie spielen sauber und fair. Ich glaube, das ist ein ziemlich soziales Team. Und die spielen nicht so verbissen auf Sieg wie andere Teams.“

Cristel und Kenia sind Spielerinnen des Fußballclubs Motagua Femenino in Tegucigalpa:
(Von den 7 Mio. BewohnerInnen der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa leben über 5 Mio. unterhalb des Existenzminimums; über 50% der Honduraner/innen sind unter 18 Jahre alt; die gesellschaftlichen Unterschiede sind sehr ausgeprägt.)

Cristel
Cristel, 19 Jahre alt, kommt aus einer gutbürgerlichen Familie. Beide Elternteile gehen ihrem Beruf nach. Sie hat eine private, streng katholische Nonnen-Schule besucht und studiert jetzt an der renommierten privaten Technischen Universität. Schon seit ihrem zwölften Lebensjahr ist sie als Fußballerin aktiv. Sie spielt im Mittelfeld von Motagua Femenino.
„Also für uns ist das was Neues, zu sehen, wie sich jemand oder wie sich ein Mädchen so aufregen kann. Von daher versuchen wir immer Abstand zu ihnen zu halten, nichts zu ihnen zu sagen, keine Kommentare abzugeben – nichts.“

Kenia
Die 18jährige Kenia stammt ebenfalls aus guten Verhältnissen. Sie ist Tochter eines Baustoffhändlers und hofft nach ihrem Schulabschluss an einer der exklusiven zwei-sprachigen Privatschulen auf ein Stipendium in den USA. Sie ist sich der besonderen Rolle ihres Teams innerhalb der Mädchenliga bewusst. Sie spielt Verteidigerin bei Motagua Femenino.

„Wir von Motagua waren immer angesehen als die Feinen, die zerbrechlichen und verweichlichten Mädchen, die verwöhnten Prinzessinnen. Für die Mädchen aus den anderen Teams bedeutet Fußball auch viel mehr als für uns. Deshalb wurden wir schief angeschaut, aber wir haben die anderen ebenso schief angeschaut. Anfangs machten sie mir Angst.“

Für weitere Informationen zu Honduras s.u. Internetadressen

Frauenfußball in Honduras
Frauen- und Mädchenfußball in Verbandsligen in Honduras ist völliges Neuland. Das spüren die Trainerinnen und Trainer und die Vereine jeden Tag aufs Neue. Die Hindernisse sind groß, Unterstützung ist kaum vorhanden. Kabinen und Toiletten gibt es bei den meisten Plätzen nicht. Immer wieder werden die jungen Frauen von den Männern angemacht und bekommen Macho-Sprüche zu hören. Für junge Frauen in Honduras stellt Fußball auch einen Emanzipationsfaktor dar.
Weltweit gesehen ist Frauenfußball im Aufwind: Rund 30 Mio aktive Spielerinnen gibt es zur Zeit, davon 8 Mio in den USA und 12 Mio in Europa.


Zum Einsatz des Films
Der Film ist besonders für das 7. bis 12. Schuljahr geeignet. Folgende Ziele lassen sich damit verfolgen:

  • Über den Fußball Einblick in die verschiedenen Lebensbereiche von jungen Frauen in einem andern Kulturkreis erhalten.
  • Die Rollenverteilung im Fußball in einem Land wie Honduras kennen lernen.
  • Den Fußball als Spiegel der Gesellschaft wahrnehmen.

Didaktische Impulse
Impuls 1 - Vier junge Frauen und ihre Welt …
Frage- und Antwortspiel

  • Die Kurzporträts der vier jungen Frauen nochmals im Film anschauen (siehe auch Hintergrund).
  • Die Zitate der jungen Frauen aus den beiden Mannschaften Motagua und Compartir aufmerksam lesen (siehe Hintergrund).
  • Eine junge Frau auswählen, dessen Erscheinung und Worte einen besonders beeindruckt haben.
  • Zu den entsprechenden Zitaten drei Fragen auf einen Zettel schreiben; die Zettel in ein Kästchen legen. Jede/r Teilnehmer/in nimmt der Reihe nach einen Zettel heraus, liest die Fragen laut vor und versucht sie zu beantworten;die andern können ergänzen.
  • Die wichtigen Themen an einer Tafel festhalten. Zum Beispiel:
    - Ansichten über die eigene und die gegnerische Mannschaft
    - Fußballvorbilder
    - Frauen und Fußball
    - Freizeitaktivitäten
    - Sport als Alkohol- und Drogenersatz
    - Wohnsituationen: Leben in besseren Vierteln und im Slum
    - Gewalt gegen Frauen
    - Berufsaussichten und Träume

Rollenspiel
Sich in die Rolle einer der vier jungen Frauen versetzen. Kenia und Cristel vertreten die Equipe Motagua, Wendy und Seydi die Equipe Compartir. Ein Gespräch über eines der ausgewählten Themen aus der Sicht der Protagonistinnen führen. Die Rollen können spontan von andern übernommen und weitergeführt werden (man darf sich einmischen).

Impuls 2 - Ist Fußball Männersache?
Einen Fußball kreisen lassen …

  • Eine Gesprächsrunde zu folgendem Zitat von Kenia machen: “Mein Vater sagte, nein, nein, Fußball ist sehr hart, das gefällt mir nicht, das ist nichts für Frauen. Und ich sagte: Doch, klar ist es für Frauen! Wir müssen zeigen, dass es das ist!“ Tatsachen und Meinungen dazu austauschen und kontrovers diskutieren; dabei kann der- oder diejenige, die sich als erste/r meldet nach seinem Statement einen Fußball an jemanden nach seiner Wahl weitergeben oder werfen.
  • Überlegungen zu der klaren Rollenteilung in Honduras anstellen (gesellschaftlicher Hintergrund, Machos, Gewalt etc.).
  • Einen Vergleich zur Rollenverteilung in Europa anstellen (Bedeutung des Fußball in unserer Gesellschaft, Rollen Männer/Frauen, Akzeptanz des Frauenfußballs …).
  • Die Fußballszenen am Schluss des Films nochmals anschauen und das Spiel der jungen Frauen analysieren. Gibt es Unterschiede zum Männerfußball? Ist ihr Spiel ebenso attraktiv? Wie steht es mit Teamgeist, Motivation, Fairplay.
  • Frauenfußball ist heute der beliebteste Frauen-Teamsport in der Welt. Nach Schätzungen der FIFA spielen weltweit rund 32 Millionen Frauen und Mädchen Fußball. Jeder vierte Fußballfan in Deutschland ist eine Frau. FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter meint gar, die Zukunft des Fußballs sei weiblich. Diskussion über diese Einschätzung.

Ein Fußballspiel mit vertauschten Rollen …
Draußen oder in der Turnhalle kleine Spiele in verschiedener Zusammensetzung machen (zum Beispiel Frauen gegen Frauen, Männer gegen Männer, Frauen gegen Männer und gemischte Mannschaften gegeneinander). Für die Spiele wird vorher ein kleiner Fairplay-Katalog aufgestellt. Die verschiedenen Spielvarianten werden anschließend in einer kleinen Gesprächsrunde kommentiert (eigene Empfindungen während des Spiels).

Impuls 3 - Sport als Spiegel der Gesellschaft
Zwei Mannschaften – zwei Welten

  • Nochmals eine Spiel-Sequenz im Video genau anschauen.
  • Zu folgenden Rubriken kurze Notizen machen: Mannschaft, Teamgeist, Motivation, Training, Herkunft, Gemeinsamkeiten/Unterschiede.
  • Die beiden Fußballclubs Motagua und Compartir vergleichen. Wie wirkt sich zum Beispiel ihre Herkunft (gutbürgerliches Milieu und Slums) auf ihre Motivation und Ziele aus? Lassen sich die beiden Mannschaften in ein Schema arm-reich pressen oder gibt es Nuancen?
  • Den Weg der vier jungen Frauen zu ihrem Zuhause nochmals anschauen und schildern, was es heißt, in einem Slum in Tegucigalpa zu leben. Einen Vergleich mit ähnlichen Wohnsituationen bei uns anstellen.
  • Den Titel des Films Adelante muchachas! (Vorwärts Mädchen!) zu interpretieren versuchen. In welchem Sinn soll es für die Einzelnen vorwärts gehen? Was bedeutet für die jungen Frauen Karriere? Ist Fußball sozialer Aufstieg oder Zeitvertreib? Wollen sich die vier damit emanzipieren?
  • Den Stellenwert des Fußballs in Honduras, einem wirtschaftlich schlecht gestellten Land, analysieren. Was kann Fußball bewirken, was nicht? Trägt er zur gegenseitigen Verständigung bei? Kann er Vorurteile und soziale Schranken abbauen? Ist er Hoffnungsträger für eine gerechtere Welt?
  • Einen Vergleich mit Europa anstellen; wie schätzen wir die Bedeutung des Fußballs hier ein? Wie wirkt sich unser Wohlstand auf den Fußball aus?

Weitere Anregungen
Freizeit

  • Die Freizeitaktivitäten der jungen Frauen in Tegucigalpa mit den unsrigen vergleichen, zum Beispiel Vorlieben, Möglichkeiten und unerfüllte Wünsche.
  • Überlegen, welche Freizeitbeschäftigungen Jugendliche verschiedenster sozialer Herkunft verbinden.

  Ausbildung und Perspektiven

  • Träume und Berufswünsche der jungen Frauen auflisten und mit den eigenen vergleichen.
  • Überlegen, mit welchen Schwierigkeiten bei der Berufswahl Jugendliche in Honduras und Europa konfrontiert sind.

  Honduras – Europa

  • Anhand einer Internetrecherche mehr über das Land Honduras und den Frauenfußball herausfinden (Links).
  • Mehr über die Organisation des Frauenfußballs in Europa erfahren (Links).

  Fußball international

  • Die Behauptung, der internationale Fußball spiegle die Diskriminierung der Frauen genauso wider wie den Kampf für Gleichberechtigung, diskutieren.
  • Überlegen, ob Fußball generell als Völker verbindend bezeichnet werden kann.

  Sport und Gesellschaft

  • Das Zitat von Adolf Ogi, UNO-Sonderberater für Sport: „Sport ist nicht besser als die Gesellschaft“ diskutieren.
  • Nachdenken, welchen Stellenwert der Sport für unsere Gesellschaft und für die ganze Welt hat.

Weiterführende Materialien

  • Fußball – Zur Geschichte eines globalen Sports, Dietrich Schulze-Marmeling, Verlag die Werkstatt, Göttingen 2000
  • Zum Beispiel Fußball, Uli Jäger, Süd-Nord Lamuv Taschenbuch 241, Göttingen/D 1998
  • Der Ball ist rund, Eduardo Galeano, Unionsverlag Zürich 2000 (Geschichten rund um den Fußball in Lateinamerika, geeignet als Lektüre)
  • Bola Fura-Redes und der Torhüter, Jorge Amado, Essay mit farbigen Bildern über einen Fußball, Lamuv-Verlag, Göttingen 1991
  • Sport und Spiele, Lateinamerika. Analysen und Berichte Band 19, Horlemann Verlag Bad Honnef 1995
  • Gottes Spielregeln für eine gerechte Welt – Fair Play for Fair Life; Unterrichtsmaterailien; Hrsg.: Brot für die Welt 2005, kostenlos zu beziehen bei: vertrieb@diakonie.de
  • Arbeitshilfe zum Projekt "Fair spielen - fair handeln" (Preis: 5,00€),
    Bezug unter: www.fair-spielen-fair-handeln.de
  • Praxismappe: Der Ball ist rund - Arbeitsmaterialien und Informationen für Unterricht und Jugendarbeit (Preis: 10,00€);
  • Bezug unter: info@fairplay-fairlife.de
  • Spiel und Sport bewegen die Welt, Faltblatt, Bildung und Entwicklung, AG der Hilfswerke, 2005, 8-seitiges Faltblatt A4, mit Begleitdossier für Lehrpersonen (Download auf www.globaleducation.ch)