Arbeitshilfe

Anna aus Benin

Ein Film von Monique Mbeka Phoba, Deutschland, Benin 2000
30 Min., Dokumentarfilm
Der Film ist Teil der Kompilations-DVD "Anna, Amal und Anousheh - Mädchen zwischen Rollenmustern und
Selbstbestimmung"


Inhalt
Die Regisseurin Monique Mbeka Phoba zeigt in ihrem Film einen Ausschnitt aus dem Leben von Anna Teko. Die Siebzehnjährige lebt in Lokossa im Süden Benins. Sie singt seit ihrem vierten Lebensjahr in der Familienband Tek Stars. In Benin ist sie so bekannt, daß sie in der Öffentlichkeit angesprochen wird. Anna wurde sogar nach Genf eingeladen, um anläßlich der 50-Jahr-Feier der Weltgesundheitsorganisation zu singen.
Im Film kann man Anna bei Studioaufnahmen und bei Auftritten mit den Tek Stars sehen. Die Filmmusik stammt von ihr und ihrem Bruder Eric.
Anna lebt in einer polygamen Familie – ihr Vater hat fünf Frauen und 31 Kinder. Als Bauunternehmer verdient er ausreichend Geld, um eine so große Familie zu ernähren und seinen Töchtern und Söhnen eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen.
Die Musikalität hat Anna von ihrer Mutter, die vor ihrer Heirat selbst Sängerin war und ihren Beruf auf Drängen ihres Mannes aufgab. Im Film erzählt die Mutter von ihrer Zeit als Tänzerin und Sängerin, sie hätte eine große Karriere machen können.
Ihre Tochter kann vermutlich einen anderen Weg gehen. Anna erfährt große Unterstützung durch ihren Vater, der sie fördert und ihr eine Ausbildung ermöglicht.
Mit fünfzehn bekam Anna ein staatliches Stipendium für die Ausbildung an einem Musik-gymnasium in Frankreich. Sie lebte drei Monate in Frankreich, dann holte ihr Vater sie wieder zurück. Anna erzählt im Film von ihren Schwierigkeiten, in einem anderen Land, einer anderen Kultur zu leben. Obwohl ihr übel mitgespielt wurde, möchte sie ein weiteres Mal nach Frankreich reisen, um dort eine Gesangsausbildung zu absolvieren.
Der dreimonatige Aufenthalt in Frankreich und ihre künstlerische Tätigkeit haben Anna zu einer selbstbewussten jungen Frau gemacht. Sie hat ganz andere Vorstellung über das Zusammenleben von Frauen und Männern, als ihre Schwestern. Während des Gesprächs beim Mittagessen werden viele Facetten eines beninischen Frauenlebens deutlich.
Anna aus Benin ist ein Dokumentarfilm, der das Lebenssprühende seiner Heldin eindrücklich vermittelt. Es macht einfach Spaß, Anna zu sehen, sie singen und reden zu hören.
Ihre Vitalität ist ansteckend.

Über den Film
Monique Mbeka Phoba zeigt in ihrem Film eine junge Frau auf der Suche nach ihrer Zukunft. Anna repräsentiert einen modernen Mädchentyp, der internationale Erfahrungen gesammelt hat, sich Gedanken über Gleichberechtigung  macht und präzise Vorstellungen über das gleichberechtigte Zusammenleben zwischen Mann und Frau hat.
Im Gesprächen mit ihrer Mutter werden die unterschiedlichen Möglichkeiten der verschie-denen Generationen deutlich. Während die Mutter auf Wunsch des Vaters ihre Karriere beendete, unterstützt der Vater die Karriere seiner Tochter.
Im Gespräch mit zwei ihrer älteren Schwestern werden die Unterschiede zwischen den Erwartungen Annas und ihrer Gesprächspartnerinnen an die eigene Zukunft und da besonders an das Zusammenleben von Frauen und Männern deutlich. Die Schwester benennt Unterschiede zwischen afrikanischer und europäischer Lebensweise. Europäerinnen würden die Unterschiede vermutlich ganz anders beschreiben.
Um unterschiedliche Maßstäbe, Verhaltensformen, Möglichkeiten des Zusammenlebens, andere Werte geht es auch im Gespräch zwischen Anna und ihrem Vater über ihre Zeit in Frankreich, von wo der Vater sie nach drei Monaten zurückholte.
Annas bisheriger Werdegang ist nicht repräsentativ für die Situation von Frauen in Benin.

Zum Einsatz des Films
Anhand des Films lassen sich verschiedene Fragen diskutieren. Einmal die Vorstellungen und Perspektiven unterschiedlicher Frauengenerationen über das Zusammenleben von Frauen und Männern und damit verknüpft, die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten.
Der Vater, ein Patriarch königlicher Herkunft - die Polygamie liegt mir im Blut - stützt und fördert die Karriere seiner Tochter auf einem Gebiet, auf dem Annas Mutter nach der Eheschließung nicht arbeiten sollte. Die Schwestern haben klare Vorstellungen vom Zusammenleben von Mann und Frau – nur Anna hält dagegen. Inwieweit sich dieses  Gespräch von solchen in europäischen Familien unterscheidet, könnte eine spannende Diskussion werden. Dazu sicher auch die Frage der Vielehe, die vom Vater als positiv aber anstrengend beschrieben wird. Anna äußert sich dazu schon verhaltener.
Die zweite wichtige Gesprächsebene kann die Frage der kulturellen Unterschiede werden. In Annas Schilderungen ihrer schlechten Erfahrungen in Frankreich werden die Verletzungen sichtbar, die ihr dort zugefügt wurden. In ihrer Kultur ist es üblich, ungefragt Sachen der Schwestern zu benutzen. In Frankreich wurde sie für gleiches Verhalten des Diebstahls bezichtigt. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten finden sich in den Lebensumständen junger afrikanischer und europäischer Frauen?
Der Film ist auch ein Vater-Tochter-Film, da Monsieur Teko die zentrale Figur in Annas Leben ist. Er weiß alles über Annas Leben, er liebt seine Tochter sehr, was ihn allerdings nicht abhielte, sie zu schlagen, wenn sie zu spät nach Hause käme.
Musikinteressierte Jugendliche können durch den Film etwas über die sehr reiche west-afrikanische Popmusik erfahren.

Die Regisseurin
Monique Mbeka Phoba stammt aus der Demokratischen Republik Kongo, lebt aber schon längere Zeit in Benin.  Sie schloß ihr wirtschaftswissenschaftliches Studium mit einer Arbeit ab, in der sie das afrikanische mit dem europäischen Fernsehen verglich. Sie arbeitete bereits während des Studiums als freie Journalistin für Radio und Zeitungen. Seit 1991 produziert sie Dokumentarfilme, für die sie Mitfinanziers in Kanada und Europa fand. Seit der Liberalisierung und Privatisierung der Presse setzt sie sich außerdem für das Recht auf freie Berichterstattung ein. Gegenwärtig arbeitet sie sowohl für das Nationale Fernsehen Benin als auch für eine kleine unabhängige Produktionsfirma. Sie erhielt Auszeichnungen für zwei ihrer Filme auf dem Festival von Ouagadougou und in Genf.

Informationen zu Benin

  • Benin liegt in Westafrika zwischen Ghana und Nigeria, die Festlegung der Grenzen stammt aus der Kolonialzeit und entspricht nicht den ethnischen, sozialen oder wirtschaftlichen Zusammenhängen der Region
  • Benin exportiert vor allem Baumwolle
  • Es gibt in Benin etwa 60 afrikanische Sprachen, die Amtssprache ist französisch. Es leben etwa 6,5 Mio. Menschen in Benin
  • Die Lebenserwartung lag 1996 bei 55 Jahren (Männer 52 Jahre/Frauen 57 Jahre). Für spätere Jahre wird von einer niedrigeren durchschnittlichen Lebenserwartung ausge-gangen, da in Benin 70.000 (1999) HIV-Infizierte (2,45% der erwachsenen Bevölkerung) leben. Man rechnet mit einem Anstieg der HIV-Infizierten. 48% der Bevölkerung waren 1998 jünger als 14 Jahre. Kindersterblichkeit (1997) 16,7%
  • Alphabetenrate 37,5% (Männer: 52,2%, Frauen: 23,6%; 2000)
  • 50% der Bevölkerung hängen traditionellen afrikanischen Religionen an, 30% sind Chri-sten, 20% Muslime

Zur Situation von Frauen in Benin
Wie in vielen anderen Ländern auch, tragen Frauen in Benin eine hohe soziale Verantwortung. Neben der Familienarbeit arbeiten sie auf dem Land auf den Feldern der Familien, sind aber beim Zugang zu Landressourcen benachteiligt. Der Wohlstand einzelner Familien beruht somit auch auf der Tüchtigkeit der Frauen.
Überall finden sich Frauen als Händlerinnen (Lebensmittel, Textilien) und Kleinstunter-nehmerinnen. Entwicklungshilfe richtet sich oft an Frauengruppen. Solche Programme bieten Gesundheitsfürsorge, berufliche Ausbildung und Kreditprogramme.
Dies verbessert fraglos die Situation von Frauen, hat aber auch Folgen wie: “Ach ja, es ist doch praktisch, wenn meine Frau nun selbst etwas verdient, dann kann sie ja auch die Schulgebühren samt Ausstattung für die Kinder zahlen. Nein, so eine Frauengruppe ist doch gar nicht so schlecht.“ (Zitiert nach: Elke Pröll, Der Fortschritt ist eine Schnecke. ded-brief 4/2000).
Die Alphabetenrate bei Frauen beträgt 23,6 %, Müttersterblichkeit 800 auf 100.000 Geburten,
Säuglingssterblichkeit 87 auf 1000 Geburten.
Genitalverstümmelung bei Frauen ist eine weit verbreitete Praxis, gesetzlich ist sie nicht untersagt. Der Staat sowie verschiedene Nicht-Regierungsorganisationen betreiben Aufklärungskampagnen.
Der letzten beninischen Regierung (vor März 2001) gehörten zwei Ministerinnen an – Marina d’Almeida Massougbodji (Gesundheit) und Ramatou Baba-Moussa (Soziale Sicherheit und Frauen).

Literatur

  • Nohlen/Nuscheler (Hrsg.): Handbuch der Dritten Welt, Band 4
  • Munzinger Länderheft Benin
  • Fischer Weltalmanach 2000
  • ded-briefe 4/2000, 2/3 1999 und andere Veröffentlichungen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ)

Medien
FLAME
Ingrid Sinclair, Zimbabwe/Namibia/Frankreich 1996
90 Min., Spielfilm, OmU

FRAG NICHT WARUM
Sabiha Sumar, BRD/Pakistan 1999
30 Min.,  Dokumentarfilm
Der Film ist Teil der Kompilations-DVD "Anna, Amal und Anousheh - Mädchen zwischen Rollenmustern und
Selbstbestimmung"

Autorin: Ursula Pattberg
Dezember 2001