Arbeitshilfe

Die Fliege in der Asche

La mosca en la ceniza

Ein Film von Gabriela David
Argentinien 2010, 98 Min.

Inhalt

Wer eine ertränkte Fliege mit Asche bestreut, erweckt sie zu neuem Leben. Auch die verträumte Nancy fängt Fliegen und steckt sie in ein Wasserglas. Die junge Frau lebt in einer ländlichen armen Region im Norden Argentiniens. Für sie und ihre Freundin Pato gibt es hier wenig Zukunftschancen. Pato, die jüngere der beiden, will weg, Geld verdienen und das Abitur nachholen. Die naive Nancy möchte eigentlich ihr Dorf nicht verlassen, will aber auch in der Nähe der Freundin bleiben. Sie kann kaum lesen und schreiben und zögert, als die Vermittlerin Julia den Beiden gute Jobs als Hausangestellte in der Hauptstadt verspricht. Aber ihre Familie ist arm, zu Hause ist wenig Platz und ihre Mutter meint: „Du bist zu alt um nichts zu tun. Je weniger wir hier sind, desto besser für alle“.
In Begleitung von Carlos „von der Agentur“ reisen die Freundinnen im Bus nach Buenos Aires. Dort empfängt sie dessen Partnerin Susana in einem unauffälligen Haus in einem gutbürgerlichen Viertel. Auf der anderen Straßenseite befinden sich ein frequentiertes Café und ein Blumenkiosk. Ein Polizist patrouilliert an der Straßenecke und jeden Morgen werden die Bürgersteige abgespritzt. Nachdem sie die Türe abgeschlossen hat, stellt Susana klar: „Zuerst müsst ihr eure Schulden abarbeiten. Für die Frau, die euch angeworben hat. Ihr müsst ordentlich anschaffen, hier kommen viele Männer vorbei.“ Nancy und Pato erkennen, dass sie getäuscht wurden und wollen flüchten. Doch die Bordellbesitzerin und der Zuhälter halten sie gewaltsam fest. Als sich die rebellische Pato wehrt, werden die beiden Freundinnen getrennt. Sie wird im Badezimmer gefesselt, brutal zusammen geschlagen und vergewaltigt. Nancy teilt sich in einem kahlen Raum ein Matratzenlager mit anderen jungen Frauen, die im Schichtdienst zur Prostitution gezwungen werden. Sie wird geschminkt, muss sich in hochhackige Stiefel zwängen und bald unter anderem Namen mit dem ersten Freier aufs Zimmer gehen.
Ein langer Flur, verschlossene Türen, gestrichene Fensterscheiben: Von der Außenwelt isoliert, verfolgen die Freundinnen in dem herunter gekommenen Bordell unterschiedliche Strategien. Pato weigert sich, für das skrupellose Zuhälterpaar anzuschaffen und denkt an Flucht. Sie versteht die kindliche Nancy nicht, die sich zu arrangieren scheint und sich freut, wenn die Puffmutter ihr zur Belohnung einen Lippenstift schenkt. Nancy setzt Hoffnung auf einen Freier, der als Kellner im gegenüberliegenden Restaurant arbeitet. Sie träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit dem zahnlosen José. Er sei sanft und würde sie lieben, vertraut sie Pato an. Nancy erzählt José von der gefesselten Freundin und bittet ihn um Hilfe. Der Kellner verspricht, die Polizei zu informieren. Als Nancy klar wird, dass er nicht Wort hält, konfrontiert sie ihre Verzweiflung allegorisch mit dem Fliegen-Trick. Wenn es das scheinbar tote Insekt schafft, sich aus der Asche zu erheben, warum nicht auch wir?
Nach einem gescheiterten Fluchtversuch Patos eskaliert die Situation. In einem günstigen Moment schleicht Nancy aufs Dach des Gebäudes und versucht, sich bemerkbar zu machen. Niemand aus den umliegenden Häusern reagiert auf ihre Rufe. Erst als sie direkt ans Fenster des Arbeitszimmers eines Nachbarn klopft, kümmert dieser sich um Hilfe. Als die Polizei das Zuhälterpaar verhaftet, schauen die Anwohner/innen teilnahmslos zu. Pato bleibt in Buenos Aires, verwirklicht ihren Traum und schließt die Schule ab. Nancy entscheidet sich für einen anderen Weg: Sie kehrt in ihr Dorf in der Provinz Misiones zurück, lebt mit einem älteren Mann zusammen und ist schwanger. Von den Briefen ihrer Freundin erfährt sich nichts – ihr Lebenspartner verbrennt sie, anstatt sie ihr vorzulesen.

Würdigung und Kritik

„Ich wollte die Geschichte der Freundschaft zwischen Frauen erzählen, denn im Kino ist Treue immer verbunden mit der Welt der Männer“, meinte Gabriela David. Das ist ihr gelungen. Die außergewöhnliche Beziehung und starke Verbundenheit ihrer Protagonistinnen stellt sie in dem beeindruckenden Film mit sensiblem Blick auf eine harte Probe. Aus der subjektiven Perspektive der Freundinnen und mit einer atmosphärisch dichten Bildsprache zeichnet die Filmemacherin das klaustrophobische Ambiente des Bordells, in das die beiden von organisierten Menschenhändler/innen verschleppt werden. Die Misshandlungen, der sie dort ausgesetzt sind, und der erzwungene Geschlechtsverkehr sind zwar immer präsent, werden aber nicht gezeigt.

Menschenhandel ist überall ein äußerst lukratives Geschäft, und der Film erzählt eine universelle Geschichte, die an vielen Orten der Welt spielten könnte. „Mir wurde bewusst, dass Frauenhandel nicht auf Routen im Nirgendwo stattfindet. Die Aneignung dieser jungen Frauen erinnert an die Verschwundenen der Militärdiktatur. Nicht im Hinblick auf Staatsterrorismus, sondern auf die Untätigkeit der Politik“, sagte die Filmemacherin. Im Fokus ihres Filmes steht jedoch nicht die Kritik an der Politik, sondern die Indifferenz einer Gesellschaft, die Hinweise auf Frauenhandel und den Verdacht auf sexuelle Ausbeutung stoisch ignoriert. Die Idee für das Drehbuch lieferte ein Zeitungsartikel über die Räumung eines Bordells in Buenos Aires, mitten im wohlhabenden Viertel Belgrano. „Ein dort eingesperrtes Mädchen konnte flüchten und einer Nachbarin Bescheid geben. Aber die wesentliche Frage ist doch: Hat niemand etwas gesehen oder gehört?“, fragte sich Gabriela David. Auch in „Die Fliege in der Asche“ schaut der Polizist weg und Anwohner führen ihren Hund aus, ohne etwas zu sehen oder zu hören. Selten verlässt die Kamera die Innenperspektive und es gelingt der Filmemacherin mit szenischen Mitteln und dem subtilen Einsatz von Geräuschen, die Gefangenschaft im Bordell mit dem gutbürgerlichen Alltag der Außenwelt zu kontrastieren.

„Die Fliege in der Asche“ ist ein ruhiger, geradliniger und vor allem in den starken Einstiegs- und Schlussszenen fast schon poetisch inszenierter Film. Dabei lebt er auch von der großartigen Darstellung der Charaktere der beiden Protagonistinnen, besonders  überzeugt Maria Laura Cáccamo in der Rolle der Kindfrau Nancy. Die scheinbar tote Fliege, die in der Asche wieder zu leben beginnt, ist bildlich ein gelungener Anfang, der auch die Welt der naiven Nancy treffend beschreibt. Die Metapher begleitet das Schicksal der Protagonistinnen bei allen Stationen der Geschichte, jedoch wird sie auch durch den zusätzlichen Einsatz als Filmtitel etwas überstrapaziert.

Die Filmemacherin Gabriela David

Die 1960 im argentinischen Mar de la Plata geborene Gabriela David studierte an der Kunsthochschule in Buenos Aires und war seit 1978 im Filmgeschäft tätig. An der Universität von Buenos Aires lehrte die Regisseurin und Drehbuchautorin seit den 1990er Jahren Kommunikationswissenschaften. Sie starb am 4. November 2010. Gabriela David erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Beim Internationalen Kinofestival in Bilbao 1989 wurde „Tren gaucho“, der auf einer Geschichte des Schriftstellers Juan José Manauta basiert, als bester Kurzfilm prämiert. „Taxi - Eine Nacht in Buenos Aires“, ihr erster Spielfilm, ist eine Mischung aus Gangsterstreifen, Melodram und Liebesgeschichte. Für die Regie des Filmes gewann sie 2002 den Silbernen Apfel beim New Yorker Lateinamerika Kinofestival. Die „Fliege in der Asche“ prämierte das Publikum beim Innsbrucker Filmfestival 2010 zum besten Film. Auch beim Filmfestival 2009 in Kerala (Indien) und beim Iberoamerikanischen Filmfestival 2009 in Huelva (Spanien) wurde er als bester Film ausgezeichnet.

Filmografie

2009 Die Fliege in der Asche (La mosca en la ceniza)
2000 Taxi – Eine Nacht in Buenos Aires (Taxi – un encuentro)
1979 Romance en la puerta oeste de la ciudad (Kurzfilm)
1989 Tren gaucho (Kurzfilm)

Hintergrund-Informationen

Argentinien

Das südamerikanische Land grenzt im Norden an Paraguay und Bolivien, im Westen an Chile, im Nordosten an Uruguay und Brasilien und im Osten an den Atlantischen Ozean. Es erstreckt sich von Norden nach Süden über rund 3.700 Kilometer und ist der zweitgrößte Staat Lateinamerikas. Mit einer Fläche von 2.780.400 km² ist Argentinien fast acht Mal so groß wie Deutschland. Mit rund 41 Millionen Einwohner/innen leben dort jedoch nur knapp halb so viele Menschen wie in Deutschland. Ein Drittel der Gesamtbevölkerung wohnt im Ballungsraum der Hauptstadt Buenos Aires. Argentinien gilt als das europäischste Land Lateinamerikas, im 19. und 20, Jahrhundert migrierten mehrere Millionen Menschen vor allem aus Italien und Spanien dorthin. Die indigene Bevölkerung umfasst nur noch weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Die größte Gruppe sind die vor allem in der Südhälfte des Landes lebenden Mapuche.

Nach Brasilien und Mexiko ist Argentinien das wirtschaftlich drittstärkste Land Lateinamerikas. Dennoch stand es im Sommer 2014 zum zweiten Mal in diesem Millennium vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Situation stellte sich jedoch ganz anders dar als bei der Staatspleite Ende 2001. Damals hatte der Staat 200 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden angesammelt und erklärte seinen Bankrott. Der Zahlungsausfall internationaler Institutionen hatte für die Bevölkerung dramatische Folgen. Bankkonten wurden eingefroren, unzählige Unternehmen mussten schließen, über die Hälfte der Bevölkerung war arbeitslos, viele demonstrierten auf den Straßen. Seit der Wahl von Néstor Kirchner zum Staatschef im Jahr 2003 hat sich das Land wirtschaftlich erholt und seine Schulden zum Teil zurück gezahlt. Seit 2007 regiert dessen Witwe Cristina Fernández de Kirchner den Staat. Als Hedgefonds 2014 Argentinien in die Pleite treiben wollten, zeigte die Präsidentin den Gläubigern die kalte Schulter. Denn diese hatten nach dem Bankrott für einen Spottpreis Argentinien-Anleihen erworben und forderten nun horrende Rendite bis zu 1800 Prozent ein. Präsidentin Kirchner weigerte sich zu zahlen.

Nach Angaben von Analysten/innen steigt aufgrund der wachsenden Inflation die Anzahl der Personen, die in Armut oder absoluter Armut leben, seit 2013 wieder an. Im Jahr 2014 galten17,5 % der Bevölkerung als arm. Weitere 5,7 % verfügten nicht über die notwendigen Mittel, um sich ausreichend zu ernähren und leben in absoluter Armut. Am stärksten betroffen ist die Bevölkerung in den nördlichen Provinzen Tucumán, Chaco, Formosa und Santiago del Estereo. In Lateinamerika ist Argentinien das Land mit der geringsten Rate an Analphabetismus unter Jugendlichen. Nur 0,4 % der Menschen zwischen 15-24 Jahren können nicht lesen und schreiben.

Während der Militärdiktatur (1976-1983) wurden 30.000 Menschen getötet oder verschwanden spurlos. Breite Schichten der zivilen Gesellschaft unterstützten die Diktatur, nicht wenige waren in Verbrechen involviert. Rund 500 Kinder von inhaftierten Oppositionellen wurden geraubt und regimetreuen Familien gegeben. Sie wuchsen dort ohne Kenntnis ihrer wahren familiären Hintergründe auf. Durch die unermüdliche Arbeit und Kampagnen von Organisationen der Großmütter, Mütter und Kinder der Verschwundenen wurden bis heute 114 Fälle aufgeklärt. Die Amnestie für während der Diktatur begangene Verbrechen wurde erst 2003 aufgehoben.

Menschenhandel oder Zwangsprostitution?

Menschenhandel existiert in verschiedenen Wirtschaftsbereichen wie der Prostitution, dem Reinigungsgewerbe, der Gastronomie, der Landwirtschaft oder bei Haushaltsdienstleistungen. Menschenhandel in der Prostitution wird im Strafgesetzbuch definiert als “Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung” und ist in Deutschland seit 2005 strafbar. Dieser Tatvorwurf liegt zum Beispiel vor, wenn Frauen mit falschen Job-Versprechungen in ihrem Herkunftsland bei der Anwerbung getäuscht und in Deutschland zur Prostitution gezwungen werden. Zwang kann Ausübung von Gewalt, aber auch Schuldknechtschaft bedeuten. Das kann auch auf Frauen zutreffen, die zwar wussten, dass sie in der Prostitution tätig sein werden, denen aber immense Summen für Reisekosten oder Vermittlungsgebühren in Rechnung gestellt werden. Den Frauen werden die Papiere abgenommen und solange die „Schulden“ nicht abbezahlt sind, werden sie oder ihre Familien massiv bedroht.

Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung erfährt große öffentliche Aufmerksamkeit in den politischen Diskussionen um Migration und das 2002 verabschiedete Prostitutionsgesetz, das die rechtliche Stellung von Prostituierten verbessert. Häufig wird in diesem Kontext von „Zwangsprostitution“ gesprochen. Befürworter/innen eines Prostitutionsverbots argumentieren unter anderem damit, dass viele Migrant/innen, die sexuelle Dienstleistungen verrichten, zur Prostitution gezwungen seien. Expert/innen raten, den Begriff „Zwangsprostitution“ zu vermeiden. Er sei irreführend und würde benutzt, um Prostitution zu diskreditieren. So weist der Bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V. (KOK) darauf hin: „Häufig wird Prostitution mit Frauenhandel und Zwangsverhältnissen gleichgesetzt. Beide Begrifflichkeiten werden vermischt und führen dadurch zu falschen Darstellungen und zu pauschalen Stigmatisierungen von Prostituierten. Prostitution ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Menschenhandel – nicht jede Prostituierte ist von Frauenhandel betroffen“.

Kaum belastbare Zahlen bei Menschenhandel

Bei der Datenlage zum Ausmaß von Menschenhandel gibt es große Lücken. Das Dunkelfeld ist sehr hoch, denn nur wenige Opfer erstatten Anzeige. Zudem ist Menschenhandel ein Kontrolldelikt. Das bedeutet, dass nur dort, wo tatsächlich Razzien und Kontrollen stattfinden, auch Betroffene ermittelt werden können. Die Schätzungen über das tatsächliche Ausmaß von Menschenhandel unterscheidet sich je nach Berechnungsgrundlage und Definition der Betroffenengruppen. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO schätzt, dass es in der Europäischen Union 880.000 Betroffene von Menschenhandel gibt. Davon seien 30 Prozent von sexueller Ausbeutung und 70 Prozent von Arbeitsausbeutung betroffen.

Frauen und Mädchen sind stärker von Menschenhandel betroffen als Männer und  Jungen. Sie sind dabei oft sexualisierter Gewalt ausgesetzt und werden häufiger zur Prostitution gezwungen. Das belegen auch Daten der Europäischen Kommission über die Jahre 2010 bis 2012. In diesem Zeitraum wurden in der EU 30.146 Betroffene von Menschenhandel registriert; 67 % waren Frauen, 13 % Mädchen, 17 % Männer und 3 % Jungen. 69 % der Personen wurden sexuell ausgebeutet, 95 % waren weiblich. Männliche Betroffene von Menschenhandel sind vermehrt Opfer von Zwangsarbeit und anderen Ausbeutungsformen wie kriminelle Aktivitäten, Organhandel, erzwungenes Betteln und Kinderhandel.

Für Deutschland hat das Bundeskriminalamt für das Jahr 2013 im Bundeslagebericht Menschenhandel 542 Betroffene von sexueller Ausbeutung erfasst: 96 % davon sind weiblich, 87 Prozent kommen aus europäischen Staaten, vor allem aus Bulgarien, Rumänien und Deutschland.

Betroffene unterstützen und schützen

Wie viele unabhängige und kirchliche Organisationen hat sich auch das Diakonische Werk Hamburg gegen ein Verbot der Prostitution ausgesprochen. Ein solches Verbot sei „weder wirksam noch ethisch begründbar", erklärte Diakonie-Vorstandsfrau Gabi Brasch im Dezember 2014. Bekämpft werden müssten sexualisierte Ausbeutung, Gewalt und Menschenhandel. Mit dem 5-Punkte-Plan „Helfen statt verbieten“ fordert das Diakonische Werk Hamburg ein bundesweites "Prostitutionsschutzgesetz". Dieses habe die Aufgabe, die Rahmenbedingungen für Prostitution zu regeln, ohne jedoch die Prostituierten z.B. durch Meldepflicht zu stigmatisieren. Ebenso müsse der Opferschutz für Betroffene von Menschenhandel engagiert weiterbetrieben werden.

Auch spezialisierte Fachberatungsstellen setzen sich für eine verlässliche Perspektive für die häufig traumatisierten Frauen ein und fordern einen langfristig gesicherten Aufenthaltstitel in Deutschland. Eine Rückkehr ins Herkunftsland ist in vielen Fällen aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Besonders Betroffene aus Drittstaaten, also aus Ländern außerhalb der Europäischen Union, haben es schwer, zum Beispiel ihre Rechtsansprüche auf Lohn und Entschädigung geltend zu machen. Sie erhalten nur im Fall der Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden eine Aufenthaltserlaubnis, die jedoch mit Abschluss des Strafverfahrens gegen die Täter/innen endet. Die Aufenthaltserlaubnis wird zudem immer nur für sechs Monate gewährt, so dass es für die Betroffenen sehr schwierig ist, Arbeit und eine Wohnung zu finden. Häufig kommt es jedoch gar nicht zu einem Strafverfahren, weil die Täter/innen nicht auffindbar sind oder Betroffene sich aus Angst gegen eine Aussage entscheiden.

Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung in Argentinien

Öffentlich diskutiert wird Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung in Argentinien seit dem Verschwinden von Marita Verón. Die junge Frau wurde Anfang April 2002 auf offener Straße in Tucumán im Norden des Landes entführt und ist seither verschwunden. Ihre Mutter Susana Trimarco stellte jahrelang Nachforschungen an und stieß dabei auf ein Netzwerk von Personen in Tucumán, die Frauen und Mädchen entführten, diese in andere Provinzen verschleppten und sie dort zur Prostitution zwangen. Während der Suche nach ihrer Tochter sammelte sie umfassendes Belastungsmaterial gegen Bordellbesitzer, Angehörige der Mafia sowie korrupte Polizisten und Justizbeamte. Sie erhielt zwei Morddrohungen. Susana Trimarco brachte sieben Männer und sechs Frauen wegen Verschleppung und sexueller Ausbeutung vor Gericht. Trotz erdrückender Beweislast wurden die Angeklagten erst in zweiter Instanz zu Haftstrafen zwischen 10 und 22 Jahren verurteilt.

Susana Trimarco hat ihre Tochter bislang nicht gefunden, doch politisch hat sie zusammen mit anderen Aktivist/innen einiges bewegt. 2008 trat in Argentinien ein Menschenhandels-Gesetz in Kraft, im selben Jahr schuf die Generalstaatsanwaltschaft eine Sondereinheit zur Bekämpfung von Menschenhandel und Ausbeutung. Laut Angaben der Staatsanwaltschaft sind meist Frauen aus armen Provinzen im Norden des Landes wie Tucumán und Misiones sowie aus dem Nachbarland Paraguay von sexueller Ausbeutung betroffen. Offizielle Statistiken darüber, wie viele Personen von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung betroffen sind, gibt es nicht. Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes wurden rund 3.200 Personen aus sexuellen Ausbeutungsverhältnissen in Bordellen befreit.

Die Stadt Buenos Aires hat ein eigenes Gesetz verabschiedet, das den Schwerpunkt auf die Unterstützung der Opfer legt. Sie eröffnete einen Zufluchtsort für Personen, die aus den Netzwerken der Menschenhändler/innen befreit wurden. Susana Trimaco hat in San Miguel, der Provinzhauptstadt von Tucumán, die Stiftung „Maria de los Angeles“ gegründet und durch ihre Arbeit Hunderte von jungen Frauen befreit. In der Einrichtung erhalten die Betroffenen und ihre Familien juristische, psychologische und soziale Unterstützung.

Didaktische Empfehlungen

Der Film eignet sich besonders für die Erwachsenenbildung und kann in Seminaren, bei Tagungen oder Abendveranstaltungen gezeigt werden, die sich mit Menschenhandel und Prostitution beschäftigen. Er kann auch gut in Schulen, vor allem in der Sekundarstufe II, eingesetzt werden.
Unterrichtsfächer: Politik/Gesellschaftskunde, Religion, Ethik, Spanisch, Philosophie.
Themen: Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung, Prostitution, Freundschaft, Solidarität, Argentinien.
Alterseignung: ab 16 Jahren. FSK-Freigabe ab 12 Jahren.

Vorschläge für das Filmgespräch und zur Nacharbeit mit dem Film:

  • Tauschen Sie sich darüber aus, in welchen Bereichen Sie Menschen begegnen könnten, die zur Arbeit gezwungen werden. Welche Anzeichen könnten auf Menschenhandel hinweisen?
  • Wie kann gesellschaftlich für das Thema Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung sensibilisiert werden?
  • Illegalität oder ein unsicherer Aufenthaltsstatus macht Migrantinnen anfällig für sexuelle Ausbeutung. Was müsste sich in der Migrationspolitik ändern, damit Frauen außerhalb ihres Herkunftslandes ein rechtlich sicheres Arbeitsverhältnis aufnehmen können.
  • Kann ein Verbot von Prostitution und die Strafverfolgung von Freiern den Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung verhindern bzw. eindämmen?
  • Bitten Sie die Schüler/innen oder Seminarteilnehmer/innen, sich in den Rollen von Nancy und Pato im Bordell  Briefe zu schreiben.
  • Sammeln Sie mit den Schüler/innen die Szenen, in denen Nachbarn und Passanten weggeschaut bzw. nicht hingehört haben. Wer wusste oder ahnte, dass die Frauen zur Prostitution gezwungen werden? Sprechen Sie über die möglichen Gründe, warum niemand aktiv wurde.
  • Nancy erzählt, dass der Kellner José sie an ihren Onkel erinnere. Warum denkt Pato nach der versteckten Anspielung, dass die Freundin in ihrer Kindheit missbraucht wurde?
  • Nancy ist Analphabetin und kehrt zurück in ihr Dorf. Sie lebt mit einem älteren Mann zusammen, der Patos Briefe verbrennt, anstatt sie ihr vorzulesen. Bitten Sie die Schüler/innen in Kleingruppen darüber zu sprechen, welche Gefühle die Schlussszene bei ihnen auslöst.
  • Zwangsprostitution – Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung - Menschenschmuggel: Erarbeiten Sie mit den Schüler/innen oder Seminarteilnehmer/innen die Unterschiede dieser Begriffe.

Literatur- und Medienhinweise

Links

  • Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK) e.V.: Zusammenschluss von Fachberatungsstellen für Betroffene von Menschenhandel, Frauenorganisationen sowie weiteren Organisationen, die zu den Themen Menschenhandel und Gewalt an Migrantinnen arbeiten. www.kok-gegen-menschenhandel.de/
  • Onlinemagazin "menschenhandel heute": Die Plattform wurde von Studierenden der Berliner Humboldt Universität 2011 im Rahmen eines Projekttutoriums gegründet und wird seitdem ehrenamtlich geführt. http://menschenhandelheute.net/

Publikationen

Das hier im Folgenden vorgestellte Material lässt sich durch Eingabe von Titel und Herausgeber/in im Internet recherchieren und kann als PDF-Dokument herunter geladen oder online gelesen werden.

  • „Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung in Deutschland“; Heike Rabe in: Aus Politik und Zeitgeschichte: Prostitution, Bundeszentrale für politische Bildung (9/2013)
  • „Mythen und Realitäten in Bezug auf Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung in Deutschland“, Nivedita Prasad in Dossier: "Welcome to Germany IV - Menschenhandel in Deutschland"; Hrsg.: Heinrich-Böll-Stiftung (12/2014)
  • „Menschenhandel als Menschenrechtsverletzung“ – Strategien und Maßnahmen zur Stärkung der Betroffenenrechte“. Von Heike Rabe und Naile Tanis; Hrsg.: Koordinierungskreis gegen Menschenhandel, Deutsches Institut für Menschenrechte (2013)
  • „Prostitution in Deutschland – Fachliche Betrachtungen komplexer Herausforderungen“: Autorinnen: Dorothea Czarnecki, Henny Engels, Barbara Kavemann, Elfriede Steffan, Wiltrud Schenk, Dorothee Türnau (4/2014)
  • „Prostitution“. Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung (9/2013)
  • EU-Strategiepapier zur Bekämpfung des Menschenhandels 2012-2016
  • „Niemand will wissen, wie viele Opfer es gibt”. Interview mit der argentinischen Politikwissenschaftlerin Victoria Vaccaro. Von Tina Füchslbauer und Miriam Weiss in Lateinamerika Nachrichten Nummer 447/448 (September/Oktober 2011)

Bücher

  • Sklaverei - Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel, Lydia Cacho. S.Fischer Verlage (2010)
  • Die Wassergöttin, Joana Adesuwa Reiterer, Droemer Knaur Verlag (2009)

Zwei Video- Interviews zum Hintergrund

„Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung in Deutschland - aktuelle Tendenzen und politischer Handlungsbedarf“:
„Menschenhandel in Deutschland aus EU Perspektive“Interviews mit Naile Tanis und Margarete Muresan vom Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Menschenhandel KOK für das Dossier „Welcome to Germany“ der Heinrich Böll Stiftung www.kok-gegen-menschenhandel.de/menschenhandel.html

Filme

  • Taxi – eine Nacht in Buenos Aires (Taxi – un encuentro)
    Gabriela David, Argentinien 2001, Spielfilm, 90 Min., OmdUT
    Bezug DVD: EZEF
  • Puppen aus Ton (Poupées d’argile)
    Nouri Bouzid, Tunesien/Frankreich 2003, Spielfilm, 90 Min., OmdUT
    Bezug DVD: EZEF
  • Choice
    Maria Teresa Camoglio, Deutschland, Italien, Nigeria 2011, Dokumentarfilm, 30 Min.;
    der Film ist Teil der Themen-DVD „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ – Filme zum Thema Migration“
    Bezug: EZEF
  • Auf der anderen Seite des Meeres (Al otro lado del mar)
    Patricia Eleanne Ortega; Kuba / Venezuela 2005, Kurzspielfilm, 12 Min.;
    der Film ist Teil der DVD „Anna, Amal und Anousheh - Mädchen zwischen Rollenmustern und Selbstbestimmung“
    Bezug: EZEF

Autorin: Kristin Gebhardt
Redaktion: Bernd Wolpert