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Die Prinzessin von Sansibar / Wir hatten eine Dora in Südwest

Die Prinzessin von Sansibar
Ein Film von Tink Diaz
Deutschland, 2007, 61Min

Wir hatten eine Dora in Südwest
Ein Film von Tink Diaz
Deutschland 1992, 72 Min.

Die Prinzessin von Sansibar

Das dokumentarische Filmportrait  folgt den Spuren der „Prinzessin von Sansibar“ (1844-1922), die sich im Jahr 1866 für die Ehe mit dem christlichen Hamburger Kaufmann Heinrich Ruete entschied, und so als eine der ersten afrikanischen Muslime im Deutschland des Wilhelminischen Kaiserreichs lebte. Der Film fragt nach den Konsequenzen dieser Entscheidung für ihr weiteres Leben. Anhand  von Auszügen aus ihren eigenen literarischen Zeugnissen,  Interviews mit Nachkommen und Historikern wird deutlich, was der Bruch mit ihrer Heimat und Kultur für sie bedeutete, den sie bis zu ihrem Tod nicht verwinden konnte.

Als Sayide Salme wurde sie im Jahr 1922 in Sansibar geboren. Ihr Vater war der Sultan Sayyid  Said der von Sansibar und Oman. Während seiner über ein halbes Jahrhundert dauernden Herrschaft  entwickelte sich Sansibar zur Drehscheibe des ostafrikanischen Handels und zum Anziehungspunkt für Kaufleute aus Übersee. Von Kindheit an war Salme von dieser besonderen multikulturellen Swahili Kultur geprägt, die sich aus dem lebendigen Nebeneinander der afrikanischen und asiatischen Kultur wie den Einflüssen internationalen Handelstreibens entwickeln konnte. Die Mutter Salmes, Jiflidan, war Tscherkessin und auf einem Sklavenmarkt von Agenten des Sultans gekauft worden. Salme galt dagegen von Geburt an als „frei“. Ihre Kindheit in dem Landpalast Beit el Mtoni mit ihren über 30 Halbgeschwistern beschrieb sie als eine sehr glückliche,  sorglose, mit wildem Spielen in der Natur. Mit zwölf Jahren starb aber der Vater und nur wenige Jahre später ihre Mutter.  Salme galt nun als erwachsen und führte eine eigene Nelkenplantage. Später verliebte sie sich in  Heinrich Ruete. Der Leiter der Niederlassung der hanseatischen Handelsfirma Hansing &Co hätte mit Salme gerne in Sansibar gelebt. Doch eine Ehe von ihr als Muslimin und ihm als Christen wäre nicht geduldet worden. So entschloss sich Salme, bereits schwanger zur Flucht. Sie heiratete Ruete und trat zum Christentum über. Die Atmosphäre, die Salme  im wilhelminischen Deutschland erwartete, war alles andere als entgegenkommend. Als auch noch ihr Mann nach drei Jahren glücklicher Ehe, in der noch drei Kinder geboren wurden, bei einem Verkehrsunfall starb, war Salme vollkommen auf sich allein gestellt. Für sie begann eine Odyssee durch Deutschland, um  das Leben mit den drei Kindern und ihre Ausbildung finanzieren zu können. Ihre Bemühungen, Kontakt mit ihrer Familie in Sansibar aufzunehmen und das Erbe zu erhalten, scheiterten. Bismarck missbrauchte sie sogar als Marionette für seine Kolonialpolitik gegen die Interessen ihrer Heimat.

Der innere Konflikt Salmes, „zwischen den Welten“ hin- und hergerissen zu sein, brachte sie zum Schreiben. Zu Lebzeiten veröffentlichte sie im Jahr 1886 die „Memoiren einer arabischen Prinzessin“, die eine große Öffentlichkeit erreichten. Das Buch liest sich als Reise Salmes in ihre eigene Kindheit, die den „Nordländern“ ein realistischeres Bild über die muslimische Welt eröffnen sollte. Die „Briefe nach der Heimat“ verfasste sie als eine Art persönliches Tagebuch, mit dem sie sich ihre Schwierigkeiten mit den „Nordländern“  von der Seele schreibt: Sie ist verletzt über die Kälte der Christen ihr gegenüber und erstaunt über die Unfreiheit der Frauen. Sie ist schockiert  über die Brutalität des Deutsch-Französischen Krieges und den alltäglichen Militarismus in der kindlichen Erziehung. Sie zeigt sich empört  über die christliche Ignoranz gegenüber ihrer muslimischen Kultur. Als ihre Kinder erwachsen waren, wandte sie sich von Deutschland ab und lebte in Jaffa und Beirut. Erst am Ende ihres Lebens zog sie zu ihrer jüngsten Tochter Rosalie nach Jena, wo sie 1922 begraben wurde -  mit einer Handvoll Sand aus Sansibar.

Wir hatten eine Dora in Südwest

Der Dokumentarfilm greift ein meist unbeachtetes Kapitel in der deutschen Kolonialgeschichte auf: der Einsatz  der Frauen  zur Gewähr rassischer Vorherrschaft in Südwestafrika. Ihre Auswanderung als Dienstmädchen und spätere „Bräute“ in die ehemaligen deutschen Kolonien wurde gerade in der postkolonialen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen verstärkt gefördert. Die Ausbildung erfolgte in der kolonialen Frauenschule in Rendsburg (1926-1945), deren Gründung auf den „Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft“ zurückging. Deren Geschichte und die Lebenswege ehemaliger Schülerinnen, der „Kolos“, bilden den Mittelpunkt des Filmes.  Die Wechselwirkung zwischen historischer Erzählung  und den Erfahrungen wie Erinnerungen der Frauen, die noch in den 90er Jahren im heutigen Namibia lebten, wird anhand von zwei Erzählebenen verdeutlicht. Historische Archivaufnahmen und „Reenactment“-Szenen machen die Geschichte der Deutschen Kolonien in Südwest und die Anfänge des Frauenbundes lebendig. Ausschnitte aus einem Werbefilm über die Frauenschule aus der  NS-Zeit (1927), in dem die befragten Frauen teilweise selbst zu sehen sind, sind der Ausgangspunkt für die Interviews mit den Frauen, über ihre Schulzeit und das spätere Leben in Namibia. Auch in den 90er Jahren verteidigen sie noch ihre angeblich kulturell-rassische Überlegenheit gegenüber den Einheimischen. Die Aussagen der Frauen werden konterkariert mittels Aussagen von  schwarzen Frauen über  das Verhalten ihrer „weißen Herrinnen“, wie auch von den Töchtern der „Kolos“.

Anhand der Geschichte des Frauenbundes wird deutlich, welch aktive Rollen Frauen selbst, die meist aus dem gehobenen Bürgertum und Adel kamen, bei dem Einsatz der weiblichen Kolonialfrau als rassenbiologische „Waffe“ und  Wächterin der sozialen Vorherrschaft  spielten. Bereits  die Gründung des Kolonialen Frauenbundes ging auf die Unterstützung der Schutztruppen, die den Aufstand der Hereros und Namas aufs Grausamste niederschlugen, zurück. Fortan übernahm der Frauenbund die Stellenvermittlung von deutschen Frauen in die Kolonien – spätere Heirat nicht unerwünscht!  Die Idee der Kolonialen Frauenschule  beruhte darauf, den Anteil der Frauen aus  dem Bürgertum und Adel zu fördern. Dort sollten die „höheren“ Töchter lernen, Arbeiten von Hausangestellten zu verrichten – mit dem Unterschied, dass ihr Status durch die propagierte Überlegenheit ihrer Rasse gegenüber den einheimischen Angestellten aufgewertet wurde. Dieser Widerspruch zwischen propagierter Freiheit und weiblicher unterprivilegierter Arbeit zieht sich durch alle Aussagen der ehemaligen Schüler/innen: Die von den Frauen genannten Motive, wie Abenteuerlust, Freiheitsverlangen und Ausbruch aus bürgerlichen Konventionen werden entzaubert, wenn die Frauen von ihrem Alltag in den Kolonien erzählen. Ihr Tätigkeitsfeld war eng begrenzt auf den Haushalt und die Erziehung der Kinder. Offenbar werden die rassistischen Orientierungen, mit denen die Frauen dem „Abenteuer in der Fremde“ begegneten. das sie nach wie vor beharrlich als des „weißen Mannes Land“ ansehen. Außer einer kritischen Stimme ist in keinem der Interviews davon die Rede, dass es bereits zum Zeitpunkt  ihrer Ankunft keine deutsche Kolonialmacht mehr gab, und dass sie die Ziele nationalsozialistischer Rassenhygiene  verfolgten. Nach wie vor werden Mischehen mit dem Argument der rassischen und kulturellen Minderwertigkeit der Schwarzen abgelehnt, auch im Widerspruch  zum Standpunkt der Tochter. Was den Frauen letztlich bleibt – und das zeigt sich in den sentimentalen Klassentreffen -  ist der Rückzug  aus der historischen und gegenwärtigen Wirklichkeit in die Realität der reitenden, schießenden, in allen Handwerken wie im Haushalt bewanderten patenten Mädels aus dem Propagandafilm von Paul Lieberenz aus dem 1937.

 Die Regisseurin/Filmo-Biografie

Tink Diaz wurde 1949 in Hamburg geboren. Nach dem  Studium der Soziologie und Kunstgeschichte in England (B.A. University of Leicester, 1973), Kunst- und Literatursoziologie (M.A. University of Sussex 1975) folgten ein mehrjähriger Forschungsaufenthalt im Sudan und ihre Promotion über deutsche Medien-„Entwicklungshilfe“ in Afrika (University of Sussex, 1987). Von 1982 bis 1989 arbeitete Tink Diaz als Journalistin und Autorin für die taz und den NDR-Hörfunk. Seit 1990 liegt ihr Schwerpunkt  als Regisseurin und Autorin im Dokumentarfilmschaffen.

Filmographie

Nanook geht baden (Arbeitstitel, in Produktion); Dokumentarfilm (63 Min.) für ZDF/arte:

Lieben Sie Kitsch? Eine Kulturdokumentation für arte/NDR 2009/2010.

Die Prinzessin von Sansibar. Historische Dokumentation mit Reenactment Szenen, NDR/arte 2007.

Jung. HIV-positiv. WDR/ Menschen hautnah 2007, 45 Min.

Eine Kommissarin ermittelt. WDR / Menschen hautnah 2004, 45 Min.

Erst Anny, dann Timmy. WDR / Menschen hautnah 2003, 45 Min.

Von Genen, Mäusen und Menschen. Langzeitdokumentation für NDR/arte 2003, 52 Min.

Das Paradies ist nur gepachtet. Dokumentation, NDR 2000, 45 Min.

Mit Feuer und Flamme. Reportage, Radio Bremen 1998 - Unter deutschen Dächern, 45 Min.

Die Deutschen im Garten. Dokumentation, NDR 1996, 45 Min.

Die Wilden kommen!. Dokumentarfilm, ZDF/arte 1994, 30 Min.

Die schwarze Maria. dokumentarischer Kurzfilm, NDR 1993, 15 Min.

Wir hatten eine Dora in Südwest. Dokumentarfilm mit re-enactment-Szenen, 1992, 72 Min., Filmförderung Hamburg und WDR; Verleih: EZEF/ Matthias-Film Stuttgart

Wir machen was aus Ihnen. Experimenteller Spielfilm, 12 Min., Hamburger Filmförderung 1983
(Zusammen mit G. Strothman und A. Rupprecht)

Pressestimmen

„Die Prinzessin von Sansibar  … Der Dokumentarfilm lässt sowohl die ostafrikanische Insel als auch das Deutschland des 19. Jahrhunderts wieder aufleben und erzählt auf beeindruckende Weise die dramatische Lebensgeschichte einer der ersten Musliminnen und Ausländerinnen in Deutschland und ihrer großen Liebe zu einem Deutschen.“ (www.arte.de,  2.11. 2007)

„Rassenwahn in Deutsch-Südwest… Es ist vor allem die Darstellung des ungebrochen reaktionären Bewußtseins  in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwest, heute Namibia, die Tink Diaz Film … sehenswert macht.“ (Taz, 28.9.1992)

„Das Spannende am Dokumentarfilmdebüt von Tink Diaz ist die Gegensätzlichkeit der Bilder. Da spricht etwa eine der Kolo-Damen noch heute davon, daß schwarze Hausangestellte nicht kochen und nähen könnten, und diese Aussage wird kontrastiert mit historischen Filmausschnitten, die schwarze Frauen genau bei der Verrichtung dieser Tätigkeit zeigen.“ (NDR, Abendjournal vom Freitag; 28.2.1992)

Hintergrundinformationen

Zwei besondere Filme über die Deutsch-Afrikanische Kolonialgeschichte

Tink Diaz beleuchtet mit ihren beiden Dokumentarfilmen sehr unterschiedliche Lebenswege von Frauen, die in sehr entscheidender Weise von den deutschen Kolonialunternehmungen in Ost- und Südwestafrika geprägt waren. Die Erzählungen der Frauen handeln dabei vor allem von der Vorgeschichte und den Nachwehen der Zeit zwischen 1884 und 1918, in denen das Deutsche Reich als Kolonialmacht agierte. Die „Prinzessin von Sansibar“, später mit dem Namen Emily Ruete, floh mit ihrem Mann Heinrich Ruete, der für eine der ersten deutschen Handelsvertretungen in Sansibar arbeitete, im Jahr 1866 nach Hamburg. Ihr Entschluss für Ehe und Kinder mit einem Christen ließ ihr keine andere  Wahl. Im Jahr 1885, kehrte sie als Schachfigur in einer politischen Mission Bismarcks nach Sansibar zurück, die die Kolonisierung Ostafrikas einläutete. Ihre Tochter Antonie sollte sich Jahrzehnte später im Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft engagieren, zu deren wichtigsten Projekten die Gründung der kolonialen Frauenschule in Rendsburg(1927-1945) zählte, die im Mittelpunkt des Film „Wir hatten eine Dora in Südwest“ steht. Die Protagonistinnen dieses Films erzählen, wie sie, angesteckt von der postkolonialen Sehnsucht, die nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland herrschte, sich in der NS-Zeit dort für eine Ausbildung als Hausmädchen und spätere Farmersehefrauen entschieden.

Deutschland als Kolonialmacht zwischen 1884 und 1918

Die beiden Film verbinden die kolonialen Unternehmungen in Ost- und Südwestafrikas, mit denen das Deutsche Kaiserreich zu einer europäischen Kolonialmacht avancieren wollte. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern geschah dies vergleichbar spät, denn erst mit der deutschen Reichsgründung im Jahr 1871 waren dafür die nationalstaatlichen Voraussetzungen geschaffen. Private Handelsunternehmungen hatten schon länger gedrängt, dass ihre Kolonialunternehmungen eine staatliche Absicherung erfahren sollten. Organisiert in Kolonialgesellschaften errichteten sie erste Handelskolonien und zwar in Ost wie West mit einem vergleichbaren Vorgehen. Zuerst erwarben sie mit Verträgen Landbesitz von einheimischen Stämmen, allerdings zu deren Nachteil und mit betrügerischen Methoden. Den privaten Landaneignungen folgten Schutzerklärungen seitens des Deutschen Reiches, so am 24. April 1884 für das erste vom Bremer Kaufmann Lüderitz in Südwest erworbene Gebiet an der Bucht von Angra Pequena. Ein knappes Jahr später, am  27. Februar 1885, wurden die ersten kaiserlichen Schutzbriefe für Gebietserwerbungen der „Gesellschaft für Deutsche Kolonisation“  (spätere Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft) an der Küste Ostafrikas erteilt, im Hinterland des Herrschaftsgebietes von Sansibar. Der Sultan von Sansibar protestierte und verweigerte seine Anerkennung. Daraufhin kam es im August 1885 zur Entsendung deutscher Flotten nach Sansibar, um Sultan Bargasz letztlich zur Anerkennung des deutschen Protektorats s zu zwingen. Drei Jahre später musste Bargaszs Nachfolger, Sultan Syyid Khalifa die gesamte Küste und die Stadt Daressalem an die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft verpachten. Aufgrund der brutalen Herrschaftsmethoden der Kolonialgesellschaft und deren krimineller Praktiken kam es zum Aufstand der Küstenbewohner. Nach der Niederschlagung durch deutsche Schutztruppen unter Führung des Offiziers Hermann von Wissmann wurde die Handelskolonie im Jahr 1891 unter deutsche staatliche Verwaltung gestellt.

In Südwestafrika erfolgte die formelle staatliche Inbesitznahme bereits unmittelbar nach dem Abschluss der ersten Schutzverträge. Einer der eingesetzten Reichskommissare  war Heinrich Göring, der Vater des späteren führenden NSDAP Politikers Hermann Göring. Unter seiner Ägide (1885-1890) kam es zu weiteren Landerwerbungen.  Im Jahr 1893 begann dann der planmäßige Aufbau einer Kolonialverwaltung unter dem ersten Gouverneur Theodor Leutwein, die einer rassistischen Herrschaftsvorstellung und dem Modell der Ungleichheit einer Apartheid-Gesellschaft folgte.

Die Kriege in den Kolonien  und ihre Opfer

In den Erzählungen der Schülerinnen der kolonialen Frauenschule  kommen die Einheimischen als Opfer der Kolonialkriege nur am Rande vor, und wenn, wird die Dimension der Verbrechen als „Legende“ relativiert. Doch von Beginn der Kolonialherrschaft an waren Betrügereien, Mord und Vergewaltigungen der sich das Land bemächtigenden deutschen Siedler an der Tagesordnung. Die sich immer stärker verdrängt sehende einheimische Bevölkerung wehrte sich. Am 12. Januar 1904 erhoben sich die Herero, die neben den Ovambo zu den größten Stämmen zählten, und im Oktober die Nama. Dieser Kolonialkrieg entbrannte zum Genozid, dem Zehntausende der Herero  und Nama während der Kämpfe, durch Flucht und Vertreibung, wie auch aufgrund der menschenunwürdigen Zuständen in den Konzentrationslagern zum Opfer fielen. Fast zeitgleich und ebenso als Reaktion der systematischen Zerstörung der Existenzgrundlage der Einheimischen brach in Ostafrika der Maji-Maji-Aufstand aus, dem sich rasch andere Stämme anschlossen. Dieser wurde in der deutschen Öffentlichkeit weit weniger wahrgenommen, hatte jedoch durch die grausame Niederschlagungsstrategie der „verbrannten Erde“ und der folgenden Hungerkatastrophe noch eine immense Opferzahl zur Folge, die man heute auf 100.000 bis 300.000 schätzt.

Den Machtverlust für Kolonialdeutschland brachte dann wenige Jahre später der Erste Weltkrieg. Die Schutztruppen, die zuvor Völkermord verübt hatten, mussten kapitulieren, in Deutsch Südwestafrika bereits am 9. Juli 1915, in Ostafrika am 25.11.1918. Die Dimension der Vernichtung traf vor allem in Ostafrika  wieder die einheimische Bevölkerung. Hunderttausende starben, da sie zwangsweise für die Truppen Transportdienste verrichten mussten oder der grassierenden Hungerkatastrophe und Grippeepidemie zum Opfer fielen. Mit dem Versailler Vertrag wurde das Ende der Kolonialmacht Deutschland besiegelt. Die Gebiete Deutsch-Südwestafrikas (Namibia, Südrand von Caprivi von Botswana) und Ostafrikas (Tansania, Ruanda, Burundi, Kongo-Dreieck in Mozambique) kamen wie die restlichen Kolonialgebiete in Westafrika (Togo, Kamerun, Kapitai und Koba, Mahinland), Witu (südliches Kenia), in Somalia, in der Südsee (Neuguinea, Samoa) und in Kotschau (Teil von China) unter das Völkerbundmandat. Deutsch Südwestafrika wurde unter Südafrikanische Verwaltung gestellt, das Mandat für Deutsch- Ostafrika unter Belgien, Großbritannien und Mozambique aufgeteilt. Bis heute hat sich keine deutsche Regierung für die Massenverbrechen offizielle entschuldigt.

Frauen als „alternative Kriegsmittel“ und die Rolle der kolonialen Frauenschulen

„Das Erscheinen der Dame, welche zugleich die Schwester des Sultans und Angehörige des Deutschen Reiches ist, unter dem besonderen Schutz Eurer Majestät, wird sich in der einen oder anderen Weise als ein Mittel zu Verhandlungen in unserem Interesse verwerten lassen.“ Diese Empfehlung richtete Reichskanzler Bismarck im April 1885 an Kaiser Wilhelm I. Gemeint war Prinzessin Salme, alias Emily Ruete. Deren Bitte  um Vermittlung, die sie an die deutsche Reichsregierung richtete, war naiv angesichts des erwachten kolonialpolitischen Interesses an den Sansibarischen Gebieten in Ostafrika. So wurde sie, wenn auch ungewollt, zu einer Marionette, die der Unterwerfung des sansibarischen Selbstbewusstseins, dienen sollte. Fast zwanzig Jahre später, auf dem Höhepunkt deutscher Kolonialherrschaft und während der physischen Vernichtung eines großen Teils der einheimischen Bevölkerung, beschlossen die Kolonialverwaltungen in  Südwest (1905)  und Ostafrika (1906) das endgültige Verbot der Mischehen. Die Existenz „rassischer Mischlinge“ – die Kinder von Salme hätten dazu gezählt – wurden als  Gefahr für die „Reinhaltung der deutschen Rasse“ und der deutschen Vormachtstellungangesehen. Nun ergab sich auch für die deutschen Frauen im „Männerprojekt“ Kolonisation eine klare Aufgabe. Adda, Freifrau  von Liliencron war mit der Gründung des „Frauenbundes der  Deutschen Kolonialgesellschaft“ dieser  Aufforderung nachgekommen. In der Zeitschrift „Kolonie und Heimat“ schrieb sie 1908: „Der deutsche Soldat hat das Land mit dem Schwerte erobert … die deutsche Frau ist dazu berufen und imstande das deutsche Volk zu erhalten“.  Ein Vierteljahrhundert später lobte Oberstabsarzt Dr. Philalethes Kuhn die Arbeit des Frauenbundes in der Zeitschrift „ Die Frauen und die Kolonien“ (Juli 1933). Der koloniale Frauenbund hätte herausragende Pionierarbeit im Sinne der völkischen Arbeit nach rassenhygienischen Grundsätzen geleistet, und damit den Untergang der Deutschen in Südwest eher verhindert als die Waffen. Maßgeblichen Anteil wurde der kolonialen Frauenschule in Rendsburg zugesprochen, die zwischen 1927 und 1945  ausreisewillige Frauen in Haushaltsführung, der landwirtschaftlichen Arbeit und vor allem der Beaufsichtigung des einheimischen Personals in den Kolonien ausbildete. Die Frauen sollten als „Hüterinnen des deutschen Herdes“ ein „Hort des Deutschtums“ gestalten. 

Die koloniale Frauenschule bot mit ihrem  vormodernen, rassisch und nationalistisch ausgerichteten Frauen- und Gesellschaftsbild, das dem Lehrplan  zugrunde lag, einen Anker für die vom Kaiserreich bis zur NS-Zeit überdauernden postkolonialen Bewegungen. Dabei war sie erfolgreicher als ihre Vorläufer in der noch aktuellen Zeit des Kolonialismus. Bereits unter dem Einfluss der Kolonialkriege bestand zwischen 1908 und 1910 die „Koloniale Frauenschule“ in Witzenhausen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu der seit 1898 bestehenden Deutschen Kolonialschule für spätere Farmer. Sie wurde mangels weiblicher Interessenten bereits nach zwei Jahren wieder geschlossen. Die zweite Frauenschule in Bad Weilbach bestand zwischen 1911 und 1914. Die erfolgreichste Entwicklung erfuhr die Rendsburger Frauenschule unter dem Nationalsozialismus. So stieg die Anzahl der Frauen pro Kurs von den anfänglichen 8 im Jahr 1927 auf 140 im Jahr 1942. Einer ihrer Förderer war der Nationalsozialist Franz Ritter von Epp, der schon an der Niederschlagung des Herero-Aufstandes beteiligt war und die NNS-Gleichschaltung der Kolonialgesellschaft vollzog. Die Frauenschule vollzog auch bereitwillig die spätere Wende der nationalsozialistischen Kolonialbestrebungen nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Statt Afrika sollten die Frauen nun die Kolonisierung des Ostens Europas auf Seiten der SS unterstützen. Nach Kriegsende wurde die Kolonialschule geschlossen, ihr Geist wurde durch die Aktivitäten der Ehemaligen am Leben erhalten.

Eine Biografie zwischen beiden Filmen - Antonie Brandeis, geb. Ruete

Die Biografie von Antonie Brandes verbindet  die Frauenerfahrungen in beiden Filmen: Sie erfuhr als Tochter der Prinzessin Salme, was es heißt „zwischen zwei Kulturen“ als Muslimin in der Kolonialmacht Deutschland leben zu müssen. Dann erfuhr sie als Ehefrau eines deutschen Kolonialbeamten das Leben in den Kolonien und engagierte sich für die Ziele der kolonialen Frauenschule in Rendsburg.

Antonie wurde am 24. März 1868 als Tochter von Prinzessin Salme und ihrem Mann Heinrich Ruete in Hamburg geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters, Antonie war gerade zwei Jahre alt, konnte sich die Mutter das Leben in Hamburg nicht mehr leisten. Sie zogen von Hamburg nach Dresden (1872), Rudolfstadt (1877) und Berlin (1880). Antonie blieb, wie auch ihren Geschwistern, die Herkunft der Mutter lange Zeit verborgen. Sie erfuhr erst in der Schule, dass ihre Mutter eine „wirkliche Prinzessin“ war. Später folgte Antonia der Mutter nach Jaffa (1892) und Beirut (1898). Dort heiratete sie Im Alter von 30 Jahren den Offizier Eugen Brandeis, einen deutschen Kolonialbeamter. Mit der Ehe fand sie Eingang in die Wilhelminische Gesellschaft, doch die Orientierung nach der „anderen Welt“ ihrer Mutter blieb. Bis 1908 war sie an der Seite ihres Mannes auf den Marshall-Inseln, der dort als Gouverneur eingesetzt war, und brachte zwei Töchter zur Welt, Marie Margarethe (1900) und Julie Johanna (1904). Antonie entwickelte dort ihre eigene ethnographische Passion, die man nicht unbedingt  von einer Kolonialsbeamtengattin erwartete. Sie schrieb darüber in der Deutschen Kolonialzeitung: „Die Marshall-Inseln sind ununterbrochen drei Jahre und dann nochmals zwei Jahre meine Heimat gewesen. … Oft begegnete ich Kopfschütteln und erstaunten Fragen, wie es denn möglich sei, so lange auf einer kleinen Insel zu leben, es müsse doch trostlos langweilig sein. … Nun bin ich der Ansicht, dass es nicht in allen Fällen ausschließlich die Verhältnisse sind, die die Menschen formen, sondern auch was er selbst aus ihnen macht und wie er ihnen entgegen tritt". Sie begann,wie ihre Mutter zu publizieren. Im Jahr 1902 erschienen ihre „Südseebilder„ und fünf Jahre später das „Kochbuch für die Tropen. Nach langjähriger Erfahrung zusammengestellt.“  Ihr Mann besaß nicht Antonies Neugier und Aufgeschlossener gegenüber der „ fremden Welt“, sondern war agierte als rücksichtsloser  Vertreter des kolonialen Herrschaftsanspruches. Aufgrund seiner Brutalität gegenüber den Einheimischen wurde er sogar vorzeitig von den Marshall Inseln abberufen.

Zurück in Berlin schloss sich Antonie 1908 dem „Frauenbund der deutschen Kolonialgesellschaft“ an und verfolgte weiter ihre ethnographischen Studien. Im Jahr 1912 beteiligte sie sich an der Ausstellung „Frau und Beruf“ des Deutschen Hygienemuseums Dresden. Aus ihren Schriften wird allerdings auch deutlich, dass Antonies Neugier und Toleranz gegenüber dem „Fremden“ nicht  frei war von dem im Frauenbund gepflegtem kulturellen Überlegenheitsgefühl  gegenüber den „Eingeborenen“.

Nach dem Ersten Weltkrieg  trennte sie sich von ihrem Mann und zog nach Hamburg. Dort setzte sie sich in der Hamburger Abteilung des Frauenbundes  vor allem für die Errichtung der deutschen Frauenschule in Rendsburg ein.  Nach deren Eröffnung 1926 saß sie bis 1933 im Schulbeirat. Dann musste sie der nationalsozialistischen Gleichschaltung weichen.

Didaktische Hinweise

Beide Filme empfehlen sich für den schulischen Einsatz (ab 9. Jgst.) wie auch für die außerschulische Bildungsarbeit für folgende Bereiche und (Themenfelder):  Geschichte (Kolonialgeschichte, Wilhelminisches Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Geschichte der Afrikaner/innen in Deutschland; Nationalsozialismus, Gender-Geschichte, Rassismus und Eugenik, Völkermord), politische und kulturelle Bildung (Apartheidsysteme, Völkerrecht , Interkulturalität) und Ethik/Religion (Islam und Christentum; Menschenrecht und Menschenwürde, Rolle der Kirchen/Religionen im Kolonialismus).

Folgende didaktischen Anregungen greifen das Konzept beider Filme auf, das konkrete Biografien und die Erfahrung von Frauen in den Mittelpunkt stellt.

  • Wie veranschaulichen die Filme Geschichte und subjektive Erfahrung?
    Dieser Frage bietet sich an, wenn man ausgehend von den filmischen, ästhetischen Formen, die inhaltliche Aussage untersuchen möchte. In beiden Filmen arbeitet die Regisseurin mit der für  zeitgeschichtliche Dokumentarfilme typischen Form der Kompilation, dem Zusammenschnitt aus  historischem Archivmaterial und Zeitzeugenaussagen. Zusätzlich verwendet die Regisseurin Reenactment-Szenen, d.h. nachinszenierte Szenen. Folgende Fragen können in Verbindung mit ausgewählten Standfotos und Filmausschnitten diskutiert werden.
  • Welche Funktionen haben diese einzelnen ästhetischen Bausteine für die Aussage des Filmes?  Welche eignen sich für die Vermittlung historischer Fakten und Ereignisse? Welche Formen eigenen sich für die Vermittlung der Erfahrungen und  Meinungen der beteiligten Menschen/Protagonisten? Gelingt es, das Geschehen als historisch authentisch bzw. glaubwürdig darzustellen? Welcher Unterschied besteht zwischen den Aussagen der Experten und den der Zeitzeugen? Bei „Dora in Südwest“ wird Kritik an den Aussagen der ehemaligen Schülerinnen deutlich, ohne, dass diese ein Komment ausspricht, wie gelingt dies der Regisseurin?
  • Wie unterscheiden sich die Frauenerfahrungen „in der Fremde“ in den beiden Filmen?
    In dem Film „Wir hatten eine Dora in Südwest“ singt eine Herero Frau das Wiegenlied: „Du weißes Kind von weißen Hirten, bist nun ein Buschmann in Hereroland, einsam bist du, denn deine Heimat ist ein fremdes Land, deine Großeltern sehnen sich nach dir.“ Diese Strophe benennt die Einsamkeit, die  trotz der sehr unterschiedlichen Erfahrungen  in beiden Filmen zum Ausdruck kommt. Die Einsamkeit und Zerrissenheit Salmes wird durch die ablehnende Haltung der Wilhelminischen Gesellschaft verstärkt, die der Kolonialfrauen beruht dagegen auf der eigenen ablehnenden Haltung gegenüber dem „Fremden“ in Namibia. Sie weigern sich anzuerkennen, dass es  „Hereroland“ und kein Kolonialland mehr ist. Mit folgenden Fragen können die unterschiedlichen Frauenerfahrungen erkundet und verglichen werden:
  • In beiden Filmen folgen die Frauen den Männern in „die Fremde“.  Wie lassen sich diese Situationen und die jeweiligen Umstände vergleichen? Welche Rollen nehmen die Frauen jeweils an der Seite der Männer ein? Inwiefern konnten die Frauen dies eigenständig entscheiden? Wie schätzen die Frauen  selbst den unterschiedlichen Status der Frauen in den beiden Welten ein? Welche Bedeutung hat „Freiheit“ für das jeweilige Selbstbild der Frauen, würden Sie die Frauen als emanzipiert bezeichnen?
  • In beiden Filmen äußern sich die Frauen auch politisch, vor allem auch in Bezug auf ihre Haltung gegenüber Kriegen: Wie äußert sich Salme gegenüber dem Deutsch-Französischen Krieg, wie die „Kolonialfrauen“ hinsichtlich der Kolonialkriege und den Verbrechen der Nationalsozialisten? Wie bewerten Sie diese Aussagen?
  • In beiden Filmen denken die Frauen über die Weitergabe von Traditionen an die folgenden Generationen nach. In welcher Weise haben Ihre Kinder diese Orientierungen für ihr eigenes Leben „zwischen den Welten“ (nicht) übernommen? Vergleichen Sie dazu die Biografie über die Tochter von Salme (s. Katen Antonie Brandeis) und die Aussagen der Töchter in „Wir hatten eine Dora in Südwest“. Was meine  Sie, was hat sich in der  weiter folgende Generation der Enkel verändert?

Literaturhinweise und Links

  • Bake, Rita (Hrsg.), Hamburg-Sansibar. Sansibar-Hamburg. Hamburgs Verbindungen zu Ostafrika seit Mitte des 19. Jahrhunderts, Hamburg 2009.
  • Diaz, Tink, Eine Hand voll Sand aus Sansibar. Emily Ruete geb. Salme Prinzessin von Oman Linne, Karsten, Deutschland, jenseits des Äquators, Berlin 2008.
  • Ruete, Emily geb. Prinzessin Salme von Oman und Sansibar, Briefe nach der Heimat, hg. und mit einem Nachwort von Heinz Scheppen, Berlin/Bodenheim 1999.
  • Diess., Leben im Sultanspalast. Memoiren aus dem 19. Jahrhundert, hg. und mit einem Nachwort von Annegret Nippa, Frankfurt a.M. 2000.
  • Siegle, Dorothea, "Trägerinnen echten Deutschtums". die Koloniale Frauenschule Rendsburg, Neumünster 2004.
  • Zimmerer, Jürgen/Zeller, Joachim (Hrsg.),  Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003.

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