Arbeitshilfe

Timgad

Film: 

La Juventus de Timgad

Ein Film von Fabrice Benachaouche.
Algerien, Frankreich, Belgien 2016, Spielfilm, 101 Min.

Inhalt

Wie durch ein Wunder werden in dem kleinen algerischen Ort Timgad, der durch seine antiken römischen Ruinenfelder bekannt ist, am 4. Dezember 1996 zwölf Kinder geboren, elf Jungen, die „Söhne eines Tages“, und ein Mädchen. Kurz darauf wird der Ort von fanatisierten Moslems überfallen, wobei die Väter der Jungen fast alle ums Leben kommen. Zehn Jahre später gründet der Dorfschullehrer Mokhtar mit den elf Halbwaisen aus seiner Klasse den Fußballclub Juventus Timgad. Er hat sich vorgenommen, an der Meisterschaft in Marseille teilzunehmen, um den Kindern auf diese Weise eine bessere Zukunft in einem neuen Algerien zu ermöglichen. In dem Ladenbesitzer Lardi, dem Vater des an jenem denkwürdigen Tag geborenen Mädchens Naïma, findet er schließlich einen Sponsor und in dem algerischstämmigen französischen Archäologen Jamel, der eine Forschungsstelle auf den Ruinenfeldern angenommen hat, sogar einen halbprofessionellen Trainer. Zunächst aber mangelt es dem Verein an allem, insbesondere an Trikots und Fußballschuhen. Der neureiche Unternehmer Archour versucht mit allen Mitteln, Mokhtars Pläne zu vereiteln, denn er ist zugleich Manager der erfolgreichen gegnerischen Mannschaft Batna. Gegen diese muss Juventus Timgad gewinnen, um nach Marseille zu dürfen. Zu allem Überdruss gibt es auch noch heftige Auseinandersetzungen in der Gruppe und im Ort selbst und einer der besten Spieler verlässt das Team aus Geldnot seiner Familie und auf Betreiben von Archour. Um wieder auf die vorgeschriebene Mannschaftsstärke von elf Spielern zu kommen, gäbe es für Mokhtar und Jamel nur eine Alternative. Die allerdings entspricht weder den Regeln des Vereins noch den Traditionen des Landes, geschweige denn den herrschenden Rollenbildern von Mann und Frau.

Die Hauptfiguren des Films:

Mokhtar, der nach einem Autounfall Frau und Kind verlor und seitdem gehbehindert ist, gründete als einziger Lehrer der Schule den Fußballclub Juventus Timgad. Sein Traum ist es, mit dem Team aus elf gleichaltrigen Jungen an den Meisterschaften in Marseille teilzunehmen.

Jamel, ein in Frankreich lebender Archäologe algerischer Abstammung spricht kaum ein Wort Arabisch, hat sich aber dennoch um einen Job in den Ausgrabungsstätten von Timgad beworben. Er wird zum Trainer der Jugendmannschaft, zumal er früher als Spieler in einem französischen Verein tätig war.

Djamila, deren Mann Salah bei einem Massaker der Islamisten vor zehn Jahren ums Leben kam, wohnt mit ihrem Sohn Mustapha außerhalb des Dorfes in der Nähe der Ruinenfelder von Timgad. Die resolute Witwe verliebt sich in Jamel und muss deswegen um ihre Reputation im Dorf kämpfen.

Mustapha ist vielleicht nicht der beste Spieler des Fußballteams, aber der wichtigste. Zudem kann er sehr gut zeichnen. In Jamel findet er schnell einen väterlichen Freund. Die anderen Jungen sind deswegen etwas neidisch auf ihn, zumal sie ihre Väter durch das Massaker verloren haben.

Naïma, die rotblonde Tochter des eigensinnigen Lebensmittelhändlers Larbi, ist das einzige Mädchen in Mokhtars Klasse. Dem Fußballclub auch organisatorisch stark verbunden, darf sie als Mädchen aber nicht mitspielen. Erst als „Not am Mann“ ist, kann sie zeigen, was wirklich in ihr steckt.

Larbi hat immer etwas darunter gelitten, dass seine Tochter Naïma nicht zu den „Söhnen eines Tages“ gehört. Der knausrige Lebensmittelhändler ist immer nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Er wird zum Sponsor des Fußballclubs und kann am Ende besonders stolz auf seine Tochter sein.

Achour ist der große Gegenspieler von Mokhtar und der Manager der gegnerischen Jugendmannschaft Batna. Stets korrekt im Anzug, besitzt der neureiche Unternehmer und Fabrikbesitzer nicht nur ein großes Bekleidungsgeschäft sondern auch viel Macht, die er rücksichtslos ausspielt.

Der Imam ist der religiöse Vorsteher von Timgad. Stets zuvorkommend und zurückhaltend, wird er von Mokhtar nur geduldet. Denn Islamistische Terroristen hatten seinerzeit den Ort überfallen. Als Iman hat er sich immer loyal gegenüber den Bewohnern verhalten und er unterstützt den Fußballclub.

Würdigung und Kritik

TIMGAD ist eine Tragikomödie, die geschickt die Realitätsnähe des zeitgenössischen europäischen Filmschaffens mit der Tradition der orientalischen Erzählkunst, die von Magie und märchenhaften Elementen durchdrungen ist, miteinander zu verbinden weiß. Bereits der Ausgangspunkt des Films, dass in einem Dorf in einer einzigen Nacht zwölf Kinder geboren wurden, die später alle die gleiche Schule besuchen und gerne Fußball spielen, klingt fast wie eine Geschichte aus „Tausend und einer Nacht“. Das nächtliche Bild eines Ortes am Fuße schneebedeckter Berge mit elf unnatürlich hell strahlenden Sternen (= Sonnen, französisch: le soleil) und einem magisch leuchtenden Mond (la lune) scheint ebenfalls aus einem orientalischen Märchen zu stammen und gibt damit die intendierte Leseweise des Films vor. Das Bild markiert zugleich den Übergang vom Prolog, der Ende 1996 spielt, in die filmische Gegenwart des Jahres 2007. Unwahrscheinlich, aber wie bei einem Märchen aus dem Maghreb völlig „normal“ muten viele folgende Ereignisse an, etwa wenn ein Sack mit exakt passenden Turnschuhen für die Spieler des Clubs von einem LKW fällt und von Mustapha entdeckt und aufgelesen wird. Mit Hilfe des Imaginären – der Vorstellungskraft der Protagonisten wie gleichermaßen der Zuschauenden – schlägt der Film aus der Gegenwart heraus eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, hervorgehoben mit einer Parallelmontage. Der Archäologe Jamel versucht anhand der verbliebenen Steine in den Ruinen von Timgad zu rekonstruieren, wie sich das Leben vor mehr als 2000 Jahren in der römischen Siedlung abgespielt haben mag, während der Lehrer Mokhtar im festen Glauben an seinen Traum von einem Sieg der Fußballmannschaft für Naïma alte Traditionen über Bord wirft und damit den Grundstein für ein besseres, ein zukünftiges Algerien legt. Die Gewalt auch nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs in Algerien, verbreitete Armut, Ausbeutung durch die Machthabenden, soziale Ungerechtigkeit und das Problem der Migration sind zwar allgegenwärtig im Film, doch tritt diese soziale Realität zugunsten der parabelhaften Geschichte in den Hintergrund.

In der oft mündlich überlieferten orientalischen Erzählkunst wird gerne mal übertrieben oder das Erinnerungsvermögen ist ungenau. Der Film reflektiert das explizit in einer Szene, als der Lehrer seinen Schülern sehr beredt und pathetisch eine Geschichte aus der Historie erzählt. Er schwärmt von der Fußballweltmeisterschaft vom 16. Juni 1982 und spricht trotz skeptischer Rückfrage von Jamel von einem 3:2 Sieg – statt richtigerweise 2:1 – von Algerien gegen Deutschland in der Vorrunde. Damals war dieser Sieg gleichwohl eine Sensation für die gesamte Fußballwelt. Die mit leichtem Augenzwinkern vermittelte Magie des Films wird getragen von einer beschwingten, leicht schrägen Musik, die auch mehrfach als Klammer für eine Montagesequenz dient, sowie durch mehrere animierte Szenen im Stop-Motion-Verfahren. So träumt Mokhtar von der Aufstellung der Spieler seines Clubs und die Getränkekästen leeren sich nach dem ersten Gruppensieg wie durch Geisterhand.

Wie Jamel im Film, der in Frankreich aufgewachsen ist und kein Wort Arabisch spricht, sieht sich auch Regisseur Fabrice Benchaouche in seinem Spielfilmdebüt in der Position eines Zugereisten, der das Land Algerien von außen betrachtet, aber dennoch viel um die Problematik der algerisch-französischen Beziehungen weiß. Er wuchs als Sohn einer französischen Mutter und eines algerischen Vaters in Frankreich auf und mehrere Familienmitglieder väterlicherseits kamen während des algerischen Unabhängigkeitskampfs ums Leben. Es vergingen acht Jahre von der Idee zum Film bis zur Realisierung, wobei Frankreich, Algerien und Belgien ihn zu gleichen Teilen finanzierten. Obwohl die Ruinen von Timgad wiederholt als Schauplatz des Films dienen, denn Jamel arbeitet dort und auch Djamila wohnt mit ihrem Sohn Mustapha dort, fand der andere Teil der Dreharbeiten nicht im heutigen Timgad in unmittelbarer Nähe der Ruinenfelder statt, sondern in Benifouda, etwa 250 Kilometer von Timgad entfernt.

Benchaouche zeigt in seinem Film archetypische Charaktere, doch ohne sie zu überzeichnen oder gar zur Karikatur werden zu lassen. Der Iman beispielsweise verhält sich völlig unorthodox, die Witwe lächelt ständig, obwohl sie ihren Mann verloren hat und in ärmlichen Verhältnissen lebt, überrasch dann aber, als sie wutentbrannt einem Huhn den Kopf abschneidet. Selbst der engagierte Lehrer verhält sich manchmal unfair, insbesondere zu Mustapha, und erschlägt einmal plötzlich eine über den Tisch krabbelnde Kakerlake mit der Hand. Jamel, der eigentlich nur Gutes tut, wird vom Manager der gegnerischen Mannschaft als Immigrant und „Harki“ beschimpft, also als Gehilfe der französischen Armee, obwohl der doch selbst zu den Neureichen und Kriegsgewinnlern gehört. Der beste Fußballer des Clubs spielt nur eine Nebenrolle und nicht wie zu erwarten wäre die Hauptrolle. Sogar Naïma, die im Verlauf des Films immer mehr zur handlungstragenden Figur aufgebaut wird, verschwindet gegen das offene Ende des Films hin wieder hinter den Jungen. All das mag irritieren, sorgt aber auch dafür, dass sich keine Klischeevorstellungen oder cineastische Erwartungshaltungen manifestieren und obendrein steigt dabei die Spannung. Während die Darsteller der Jungen übrigens schnell in den Fußballvereinen der umliegenden Dörfer gefunden wurden, war es bei mehreren Castings in Algier alles andere als einfach, die Rolle von Naïma zu besetzen. Schließlich musste dafür mit Fella Benini ein Mädchen gefunden werden, das gut Fußball spielen konnte, Französisch sprach und obendrein bereit war, sich im Laufe der Dreharbeiten die Haare abschneiden zu lassen, um dann wie ein Junge auszusehen.

Themen und Hintergrundinformationen

Die eben skizzierte filmische Umsetzung korrespondiert geschickt damit, dass der Film seine Geschichte auf eine sehr direkte und auch für junge Menschen leicht verständliche Weise erzählt, aber auch auf einer zweiten immanenten Ebene, zu deren Verständnis Vorwissen über Algerien und die wirtschaftliche, politische und religiöse Situation im Land hilfreich ist.

Leidenschaft und Liebe
Auf der unmittelbaren ersten Handlungsebene steht die Leidenschaft aller Protagonisten für den Fußballsport im Mittelpunkt und das gemeinsame Ziel, trotz zahlreicher Handicaps und unzureichender finanzieller Mittel den Gruppensieg unter zehn Kandidaten zu erringen, um an der Jugendmeisterschaft in Marseille teilnehmen zu können. Diese ungebremste Leidenschaft wirkt sich auf alle Figuren des Films positiv aus, nicht nur für die Spieler von Juventus de Timgad. Mit diesem Ziel vor Augen realisiert der Lehrer Mohktar nicht nur einen lange gehegten persönlichen Traum. Er bringt auch die Dorfgemeinschaft, die immer noch durch den Überfall islamistischer Terroristen vor zehn Jahren traumatisiert ist, der viele Kinder zu Halbwaisen machte, wieder zusammen. Mokhtar überwindet seine Vorurteile gegenüber dem Imam und kann den verbitterten Lebensmittelhändler dazu überreden, sich als Sponsor des Clubs zu betätigen. Indem seine geliebte Tochter Naïma mit ihrem bislang verkannten Talent die Geschicke des Fußballclubs maßgeblich zum Positiven hin wendet, ist auch seine Schmach getilgt, die er zehn Jahre zuvor empfand, als ihm statt des erhofften Sohnes eine Tochter geboren wurde. Aus den „Söhnen eines Tages“ werden so „Die Söhne und die Tochter eines Tages“. Der aus Frankreich zugereiste Archäologe Jamel findet durch seine Trainerrolle nicht nur zu seinen algerischen Wurzeln und zu seiner alten Heimat zurück. Indem sich eine zarte Liebesbeziehung zur Witwe Djamila entspinnt und er sich zudem bestens mit ihren Sohn Mustapha versteht, rückt die Gründung einer neuen intakten Familie in den Bereich des Möglichen, selbst wenn der Film sich davor hütet, in dieser Hinsicht ein billiges Happy End anzubieten. Das alle äußeren und inneren Grenzen sprengende verbindende Element des Fußballs wird aber zum Symbol für eine bessere Zukunft des Landes, die von der jungen Generation einschließlich der Frauen getragen ist.

Der Bürgerkrieg und seine Folgen
Damit die Geschichte funktioniert und nicht als bloße Illusion und als Märchen abgetan wird, bedurfte es zahlreicher retardierender Handlungsmomente auf einer zweiten, oft nur sprachlich angedeuteten Ebene und symbolisch überhöht als Kampf des Guten gegen das Böse. Mit allen Mitteln versucht der schmierige Geschäftsmann Achour Mokhtars Pläne zu durchkreuzen, um am Ende mit seiner Mannschaft selbst als Sieger da zu stehen. Für ihn sind die anderen nicht nur Gegner, sondern Feinde, die es um jeden Preis zu vernichten gilt; genauso wie es die Devise im algerischen Bürgerkrieg war, als sich Regierungstruppen und islamistische Gruppierungen unter der Führung der Islamistischen Heilsfront bis aufs Messer bekämpften. Inzwischen weiß man durch Enthüllungen, etwa des ehemaligen Geheimdienstoffiziers Mohammed Samraoui in seiner „Chronik der Jahre des Blutes: Wie die algerischen Geheimdienste die islamistischen Gruppen gesteuert haben“, dass das damalige Freund-Feind-Schema wesentlich komplizierter war, als es sich für Mokhtar im Film darstellt. Dieser sieht in Achour einfach nur George Bush und in jedem gläubigen Moslem einen Terroristen von 9/11. Er hat zumindest keine Ahnung davon, dass die algerischen Generäle als „Islamisten“ verkleidete Spezialsoldaten gerade dort blutig wüten ließen, wo die „Islamische Heilsfront“ zuvor besonderen Rückhalt in der Bevölkerung gefunden hatte.

Achour steht dennoch für das alte verlogene System, das zum eigenen Machterhalt über Leichen ging und die Gesellschaft in zwei Klassen spaltete und mitverantwortlich für Korruption, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot in Algerien war. Indem er Nasser in einer existenziellen Notlage erpresst, seinen Sohn Karim aus Mokhtars Mannschaft zu nehmen, die damit den Regularien nach nicht mehr vollständig ist, wiederholt er die Fehler der Vergangenheit. Und auch hier ist es die junge Generation in Gestalt von Karim, die dieses grausame Spiel nicht länger mitmacht. So ist es am Ende Karim zu verdanken, dass Juventus de Timgad das entscheidende Tor für den Sieg gegen Batna erzielt. Und Nasser, der in Timgad zunächst als Verräter seines Landes gebrandmarkt wurde, erhält von Larbi plötzlich unbegrenzten Kredit.

Rollenbilder und Traditionen
Die private und die politische Dimension der Geschichte verbinden sich im letzten Drittel des Films in die zukunftsweisende Vision eines neuen Algerien, wobei hier im ganz wörtlichen Sinn alte Zöpfe abgeschnitten werden. Jamel als Vertreter der Weltlichkeit und der Imam als Vertreter der Geistlichkeit legen hier gemeinsam Hand an und schreiten zur Tat, nachdem sie entdeckt haben, wie gut Naïma mit dem Ball umgehen kann. Sie „krümmen“ ihr zum Entsetzen des Vaters tatsächlich mehr als nur ein Haar, allerdings mit ihrem vollen Einverständnis. Durch ihre neue Kurzhaarfrisur wird sie äußerlich vorübergehend zum Jungen, um auf diese Weise das Fußballteam wieder zu komplettieren, obwohl das gegen die Regularien des Fußballs verstößt. Während Larbi, Mokhtar und die anderen Männer des Dorfes erst mühsam von diesem für das Wohl der Dorfgemeinschaft wichtigen Tabubruch überzeugt werden müssen, weil „eine Frau in die Küche gehört und sich um die Babys kümmert“, pocht Jamel darauf, dass „Frauen die gleichen Rechte wie Männer“ haben – auch beim Fußballspielen. Und für den Imam ist die Sache ganz einfach, „solange die Katze Mäuse fängt, und diese Katze spielt gut“. Wenn Larbi dann mit einer toten Maus in der Hand aus dem Haus rennt und dagegen protestieren möchte, ist die Sache sinnbildlich bereits zugunsten seiner Tochter und des ganzen Dorfes entschieden. Die Botschaft des Films ist klar, zumal der Regisseur ihn im Nachspann seinen Töchtern gewidmet hat. Nur wenn die Algerier bereits sind, ihre alten Traditionen zu vergessen und die Frauen gleichberechtigt mit den Männern sind, kann sich Algerien vom Mittelalter lösen und eine bessere Zukunft aufbauen. Dass diese mögliche Utopie nicht nur eine Sache der Finanzierung ist, sondern vor allem der Imagination bedarf, zeigen die aufgemalten Turnschuhe auf den barfüßigen Juventus-Spielern im für sie siegreichen Endspiel.

Glossar

Algerischer Bürgerkrieg
Der Unabhängigkeitskrieg Algeriens gegen die französische Kolonialmacht in den 50er Jahren ist fest in der Geschichtsschreibung verankert. Weniger ins kollektive Bewusstsein der Europäer rückte der algerische Bürgerkrieg einige Jahrzehnte später, in dem sich die algerische Regierung und verschiedene islamistische Gruppierungen als Feinde gegenüberstanden. Der Bürgerkrieg begann im Dezember 1991 mit der Annullierung der für die oppositionelle Islamische Heilfront positiven Wahlergebnisse seitens der Regierung und endete offiziell mit dem Sieg der Regierungstruppen um die Jahrtausendwende. Er forderte zwischen 60.000 und 150.000 Todesopfer. Bei diesem Bürgerkrieg waren die „Guten“ und die „Bösen“ nicht immer eindeutig auszumachen. Im Lauf des mit ungeheurer Brutalität geführten Bürgerkriegs, der von Massenverhaftungen, Folter und Hinrichtungen geprägt war und vor allem auf Kosten der Zivilbevölkerung ging, kam es zu zahlreichen Massakern, insbesondere in den Jahren 1997 und 1998. Als sich abzeichnete, dass keine Seite den Sieg erringen würde, bemühte sich der seit April 1999 amtierende Präsident Abdelaziz Bouteflika mit seiner Politik der „Nationalen Eintracht“ und der „Nationalen Aussöhnung“ (ab 2004) um einen Ausgleich mit den Islamisten.
„Staatspräsident Bouteflika wurde im April 2014 für eine vierte Amtszeit wiedergewählt. Während seiner Regierungszeit konnten die gewaltsamen Auseinandersetzungen, unter denen Algerien in den 1990er Jahren gelitten hatte, weitgehend eingedämmt werden. Gleichzeitig leiden größere Teile der Bevölkerung unter anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot, und es gibt Vorwürfe, dass die hohen Einnahmen aus dem Export von Öl und Gas zum Teil von korrupten Eliten abgezweigt werden. Öffentliche Proteste werden zumeist gewaltsam aufgelöst; regierungskritische Medien, Vereinigungen und Aktivisten werden bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten behindert. Der Staat verhindert zudem die Aufklärung von schweren Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit, an denen vermutlich Sicherheitskräfte beteiligt waren.“
www.amnesty-algerien.de/Main/Informieren-Land

Jugend in Algerien
„Algerien ist die reichste unter den drei Maghrebnationen, doch seine Bodenschätze werden von einer Nomenklatura von rund 500.000 Leuten verprasst. 97 Prozent der Deviseneinnahmen hängen von Öl und Gas ab, eine nennenswerte Industrie gibt es nicht. Korruption, Staatsmafia und autoritäre Bürokratie bilden einen flächendeckenden Filz. ‘Wir sind ein reiches Land mit einer armen Bevölkerung’, sagen die Leute. In der Hafenstadt Oran gibt es praktisch kein Wohnhaus in einem halbwegs ansehnlichen Zustand. Ein Viertel des Volkes lebt in Not, die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei elf Prozent, bei den Jüngeren sogar bei 25 Prozent. Eine Million von ihnen wird zusätzlich für Minilöhne in staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogrammen aufbewahrt, ohne Aussicht auf eine feste Anstellung, ein ordentliches Gehalt und die Chance, eine Familie zu gründen. Und so liefert sich der frustrierte Nachwuchs Woche für Woche ein erbittertes Katz-und-Maus-Spiel mit der allgegenwärtigen Staatsgewalt. 10.000 Proteste registriert die Sonderpolizei mittlerweile Jahr für Jahr. ‘Alle leiden, nur die Mächtigen führen ein Leben in Saus und Braus‘, sagen die Demonstranten. Der 78-jährige Präsident Abdelaziz Bouteflika, der trotz zweier Schlaganfälle im April 2014 zum vierten Mal wiedergewählt wurde, ist seit drei Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten. Er sitzt im Rollstuhl und kann kaum sprechen. Gelegentlich erhält die Regierung Briefe aus seinem Amtssitz. Doch niemand weiß, inwieweit der Präsident noch bei Sinnen ist.“ (Martin Gehlen, 15. Januar 2016)
https://www.cicero.de/aussenpolitik/algeriens-jugend-nichts-wie-weg/60372

Frauenrechte in Algerien
„Frauen wurden nach wie vor sowohl vor dem Gesetz als auch im täglichen Leben diskriminiert. Das 2005 verabschiedete Gesetz zum Schutz der Familie ordnet die Rechte der Frauen noch immer denen der Männer unter, vor allem, wenn es um Regelungen bei der Heirat, bei einer Scheidung, dem Sorgerecht für die Kinder und Erbschaftsangelegenheiten geht.“
https://www.amnesty.de/jahresbericht/2012/algerien#section-7093
„Gesetzliche Regelungen bezüglich Eheschließung, Scheidung, Sorgerecht für die Kinder, Vormundschaft und Erbschaftsangelegenheiten diskriminierten Frauen nach wie vor. In Ermangelung eines umfassenden Gesetzes waren Frauen und Mädchen weiterhin nur unzureichend gegen geschlechtsspezifische Gewalt geschützt. Das Strafgesetzbuch verbot Vergewaltigung, ohne den Straftatbestand jedoch genau zu definieren und Vergewaltigung in der Ehe ausdrücklich als Straftat anzuerkennen. Männer, die ein Mädchen unter 18 Jahren vergewaltigten, blieben weiterhin straffrei, wenn sie ihr Opfer heirateten. Schwangerschafts-abbrüche waren laut Strafgesetzbuch strafbar.“
https://www.amnesty.de/jahresbericht/2017/algerien#section-11795

Roger Lemerre
Der 1941 geborene französische Fußballspieler begann seine professionelle Karriere bei der UA Sedan-Torcy, die ihn 1961 unter Vertrag nahm. Zwischen September 1968 und April 1971 spielte er sechs Mal für die französische Fußballnationalmannschaft. Seit 1975 arbeitete er als Fußballtrainer. Ab 1986 trainierte er zehn Jahre lang das französische Militärteam Bataillon de Joinville. Der Film TIMGAG verweist darauf, auch Jamel habe in diesem Team mitgespielt.
Lemerre war zwischen 1998 und 2002 Cheftrainer der französischen Nationalmannschaft, mit der er 2000 den Europameistertitel holte. Vom September 2002 bis Februar 2008 war er Trainer der tunesischen Nationalmannschaft, im Juli 2008 wechselte er für ein Jahr in die marokkanische Nationalmannschaft. Bis heute ist Lemerre daher in ganz Nordafrika ein Star.

Timgad
Timgad, der heutige Name der römischen Stadt Thamugadi, wurde 100 vor Chr. unter dem römischen Kaiser Trajan durch Lucius Munatius Gallus als Militärkolonie auf freiem Feld gegründet. Das quadratisch aufgebaute, mit schweren Steinen befestigte Militärlager ist bis heute ein eindrucksvoller Beweis für die einstige Größe des Römischen Reichs, das die numidische Region als Kornkammer nutzte. Der antike Ort südöstlich des modernen Ortes Timgad befindet sich in den nördlichen Ausläufern des Aurès-Gebirges 480 km südöstlich von Algier. Da die Ruinen von Naturkatastrophen bisher verschont blieben, befinden sie sich immer noch in einem vergleichsweise stabilen Zustand. Nach der Invasion der Vandalen 430 n.Chr. wurde der Ort allerdings zerstört, dann von Kaiser Justinian mit den Steinen der Ruinen als byzantinische Festung und Bischofssitz in unmittelbarer Nähe des alten Militärlagers neu aufgebaut, bis die arabische Invasion das endgültige Aus für Thamugadi einleitete. In der Neuzeit wurde Timgad durch den englischen Reisenden James Bruce 1765 wiederentdeckt. Erste französische Ausgrabungen fanden in den Jahren 1880 bis 1883 statt. Knapp einhundert Jahre später, im Jahr 1982, wurde die Ausgrabungsstätte zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Didaktische Hinweise

Fußball ist längst zum Nationalsport geworden – nicht nur in Deutschland. Schon immer hat der Sport ganze Nationen, Gesellschaften und Individuen miteinander verbunden – über alle Kulturen, Religionen und Konflikte hinweg. Filme, in denen das Fußballspielen eine wichtige Rolle spielt, haben es auch deswegen leichter beim Publikum, selbst wenn der Film in fernen Ländern spielt. Steht dann auch noch eine Jugend-Fußballmannschaft im Mittelpunkt, ist ein solcher Film wie TIMGAD auch für junge Menschen und in der filmkulturellen Arbeit mit Jugendlichen gut geeignet. Anhaltspunkte für die Altersempfehlung geben die jungen Spieler selbst, sie sind alle gut zehn Jahre alt, am gleichen Tag geboren. Um den Film in seinem Plot zu verstehen, muss man nicht gleich alle Anspielungen gesellschaftlicher und politischer Natur auf Anhieb richtig einordnen können oder vorab darüber informiert sein. Sinnvoll ist es allerdings, auf die Szene mit dem Hühnertod hinzuweisen, da sie sonst insbesondere für tierliebende junge Menschen zum Trigger werden und falsche Interpretationen begünstigen könnte. Und nach den Ereignissen des Jahres 2015 nicht nur in der Silvesternacht in Köln sollte man sicherheitshalber auch darauf vorbereitet sein, dass junge männliche Flüchtlinge aus dem Maghreb in Deutschland nicht besonders populär sind und dies Einfluss auf die Sichtweise gegenüber dem algerisch-französischen Film nehmen könnte.
Das Gleiche gilt für den Einsatz des Films in der Erwachsenenbildung, wobei hier in der Diskussion neben der formalen Herangehensweise vor allem die vielfältigen gesellschaftspolitischen Dimensionen des Films in den Fokus rücken, etwa mit den Themen Algerien – Afrika – Islam – Feinbilder – Rollenbilder – Versöhnung – Zukunft.
Anknüpfungspunkte des Films für den Unterricht bieten sich im Rahmen der Fächer Deutsch, Sozialkunde, Sport, Geografie, Geschichte und natürlich Ethik/Religion, aber auch für Kunst und Medienerziehung.

Mögliche (erste) Impulsfragen:

  • Warum hat der Film – etwa auch im Unterschied zu einem orientalischen Märchen – ein offenes Ende mit dem Aufbruch der Spieler nach Algier?
  • Welche Funktion bekommt der Fußball in Bezug auf die Beschreibung und Entwicklung des Landes Algerien? Ist dies auch eine universelle Geschichte?
  • Wird die gewählte Form des Films als Tragikomödie dem komplexen Thema gerecht?
  • Warum folgt der Film in der Figurenkonstellation weder der klassischen Dramaturgie eines Coming of Age-Films noch eines „Sportfilms“?
  • Geht der Film mit der Religion und dem Iman (politisch) korrekt um?
  • Welche Rolle spielt Naïma in der Geschichte und wie bereitet der Film das Publikum auf diese Rolle vor?
  • Was sagt der Film über Rollenbilder und die Stellung der Frau in Algerien aus? Sind Frauen gar der Schlüssel zur Veränderung der Gesellschaft?
  • Ist der Film gut dazu geeignet, mögliche Vorurteile hierzulande gegen Menschen aus dem Maghreb abzubauen oder bestätigt er diese im Gegenteil sogar?

Literaturhinweise

  • Ralf Elger, Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte – Alltag – Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008
  • Roman Hagelstein: The Civil War in Algeria. Political, Economic and Institutional Background. Eberhard-Karls-Universität, Tübingen 2010
  • Mohammed Samraoui: Chronik der Jahre des Blutes: Wie die algerischen Geheimdienste die islamistischen Gruppen gesteuert haben, Zambon Verlag 2012
  • Rolf Schwarz: Staat, Macht und Menschenrechte in Algerien. Demokratie und Entwicklung, Bd. 51, LIT Verlag, Münster
  • Habib Souaïdia: Schmutziger Krieg in Algerien: Bericht eines Ex-Offiziers der Spezialkräfte der Armee (1992-2000), Chronos Verlag, Zürich 2001

Links

  • http://www.allocine.fr/film/fichefilm_gen_cfilm=249923.html
    Französische Website zum Film
  • https://humanite.fr/timgad-dans-les-vestiges-dune-algerie-qui-espere-628926
    Interview mit dem Regisseur in der Zeitschrift L’Humanité vom 21.12.2016
  • https://www.amnesty.de/jahresbericht/2017/algerien#section-11795
    Jahresbericht zu Algerien 2017 von Amnesty International
  • http://www.amnesty-algerien.de/Main/Informieren-Land
  • http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Algerien/frauen.html
  • http://www.deutschlandfunk.de/zwischen-tradition-und-moderne.799.de.html?dram:article_id=120124
  • http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/islam-lexikon/21304/algerien
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Timgad
  • http://whc.unesco.org/en/list/194
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Weltmeisterschaft_1982

Filmhinweise

  • Bab El-Oued City
    Regie: Merzak Allouache. Algerien, Frankreich 1994, Spielfilm, 93 Min., OmU
    Bezug DVD: www.ezef.de
  • Rachida
    Regie: Yamina Bachir-Chouikh. Algerien, Frankreich 2002, Spielfilm, 100 Min., OmU
  • Bezug DVD: www.ezef.de
  • Von Menschen und Göttern (Des hommes et des dieux)
    Regie:Xavier Beauvois. Frankreich, Algerien 2010, Spielfilm, 122 Min.
    Bezug DVD: www.filmwerk.de

Autor: Holger Twele
Redaktion: Bernd Wolpert
März 2018